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Sitzen als künstlerische Strategie


Die Künstlerin, die Sie erfinden sollen, ist erst seit einigen Jahren künstlerisch aktiv. Sie arbeitet in erster Linie perfomativ, also im Bezugsfeld der nicht mehr ganz taufrischen Performance-Kunst. Bildende KünstlerInnen und ihre Werke müssen wiedererkennbar sein, sonst werden sie weder vom System noch von den Medien wahrgenommen. Dieses einfache Marktgesetz versucht das Kunstsystem hinter Begriffen wie bildnerisches Problem, Konzentration auf ein Gebiet, künstlerische Strategie, Biografie u.ä. zu verstecken.
Die Künstlerin, die Sie erfinden sollen, hat sich seit ihrem Studium auf Sitzen spezialisiert. Ihre Arbeiten sind zum einen Aktionen und Perfomances, zum anderen realisiert sie auch dauerhafte "Werke", die sich auf dem Markt verkaufen und in Ausstellungen zeigen lassen.
Entwerfen Sie eine Biografie und ein "Werk-" (= Performances, die sie bisher gemacht hat) Ausstellungsverzeichnis. Entwickeln Sie eine Performance, in der Sitzen zentral ist, und außerdem eine Kunstprodukt, das sich ausstellen und verkaufen lässt. Präsentieren Sie beides und verfassen Sie dazu einen Pressetext, der vor allem die Tatsache berücksichtigt, dass Performance-Kunst schon eine gewisse Geschichte und Tradition hat. Die Arbeiten müssen gegen den (unausgesprochenen) Vorwurf verteidigt werden, sie seien nicht mehr wirklich aktuell.
Tipps

Folgende Fragen können Ihnen bei der Lösung der Aufgabe helfen:
Worauf sitzen wir? Worauf sitzen Menschen anderer Kulturen? Sammeln Sie möglichst viele Beispiele für unterschiedliche Sitzmöglichkeiten. Überlegen Sie, bei welchen Gelegenheiten, die jeweiligen Möbel zum Einsatz kommen. Welcher symbolische Mehrwert lässt sich daraus gewinnen? Wie können die Möbel anders besetzt werden?
Untersuchen Sie auf welche Arten Menschen sitzen. Sammeln Sie geflügelte Wörter und Sprichwörter zum Thema sitzen. Überlegen Sie, wo man überall sitzen kann. Außerdem interessant, die Zunahme des Sitzens in hochentwickelten Gesellschaften.
Machen Sie Arbeiten der Künstlerin, in denen sie sich mit einem der folgenden Themenkomplexe durch eine Sitzperformance auseinandersetzt.
  • Verschwinden des Raumes durch die Geschwindigkeit moderner Verkehrsmittel
  • Ausbeutung von ArbeiterInnen in der dritten Welt durch Herstellung von Markenkleidung
  • Eroberung des Körpers durch digitale Medien
  • Klimaänderung durch übermäßigen Fleichverzehr in den Industrieländern
Wenn Sie selbst nicht sitzen wollen, dann können Sie interaktive Kunstumwelten entwerfen und installieren, die die BesucherInnen der Ausstellung oder die BenutzerInnen von öffentlichen Räumen zum Sitzen zwingt oder auffordert.
Möglichkeiten: Sitzgelegenheiten an ungewöhnlichen Orten, ungewöhnliche Sitzgelegenheiten an seltsamen Orten, Sitzgelegenheiten mit besonderen Blickrichtungen... bedenken Sie dabei immer, dass der aktuelle Kunstdiskurs die Verunsicherung des Publikums und die Erzeugung des anderen Blicks einfordert. Je ungewöhnlicher und unerwarteter umso besser; dennoch beachten: die Grenzen des guten Geschmacks sollen nicht verletzt werden. Das Kunstpublikum liebt es, sich vorzustellen wie andere, nicht es selbst, verunsichert werden.
Franz Billmayer, 2.8.2007
zuletzt geändert, 5.4.2008