Literalität
Der Begriff Literalität kommt aus dem Englischen (literacy). Traditionell versteht man darunter die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben: den Sinn von Texten erschließen können und Texte verfassen und schreiben können, deren Sinn andere erschließen können. Visuelle Literalität würde die Fähigkeit bedeuten, visuelle Gestaltung im Allgemeinen und Bilder im Besonderen angemessen zu verstehen, zu verwenden und herzustellen.Literaltität fordert eine pragmatische Sicht auf Lesen und Schreiben, visuelle Literalität eine auf visuelle Gestaltung und Bilder. Die Kompetenzen dienen zum Lösen von Problemen, zum Erreichen von Erfordernissen und helfen bei den damit zusammenhängenden Handlungen und Tätigkeiten. Ein Schwerpunkt liegt hier sicherlich in der Kommunikation im weitesten Sinne. Damit sind die Kompetenzen, die zur visuellen Literalität beitragen, abhängig von Gesellschaft, Kultur und historischer Situation. Jede Gesellschaft stellt bestimmte technische Medien und Zeichensysteme bereit und regelt in ihrer Kultur wie diese jeweils genutzt werden können. Es gibt also technische Voraussetzungen, semiotische Bedingungen und soziale Konventionen:
- mediale technische Voraussetzungen: Techniken der Bild- und Textherstellung, Möglichkeiten zur Veröffentlichung und Verbreitung, mediale Bedingungen (Kosten für Herstellung und Verbreitung)
- semiotische Voraussetzungen: Zeichensysteme (Sprache, Schrift, Bilder), Medienformate (Talkshow, Nachrichten, Zeitung, Plakat &c. pp)
- soziale Konventionen: Was kann zum Gegenstand von Kommunikation gemacht werden, was nicht? Wie geht das? Wem stehen welche Ressourcen zur Verfügung?
Domänen
Damit können wir in drei Domänen Kompetenzen unterscheiden
- Technik, Werkzeuge, Material, technische Seite der Medien: Fotografieren, Bildbearbeitung, Bilder erzeugen, Video, Zeichnen (?), Desktoppublishing, Präsentationen
- Zeichensysteme, Code: Kenntnis wesentlicher Regeln zum Gestalten von Bildern, Bild-Text-Kombinationen, Texten. Grammatik und Code des visuellen Gestaltens, Kenntnisse über Regeln verschiedener Formate (z.B. Nachricht, Einladung, Parodie, Protokoll … &c.)
- Kulturelle Kenntnisse, welche Regeln gelten hinsichtlich des so genannten „Angemessenen“?
Europa und die Welt
Visuelle Literalität muss die besonderen Bedingungen der
Kommunikation in Europa berücksichtigen. Dazu kommt noch ein
grundsätzliches
Verständnis für Kulturen allgemein (so genannte Globalisierung). Dazu
braucht
es strukturelle Kenntnisse – Metawissen – diese sind relativ konstant,
Einzelheiten unterliegen Moden und Trends.
Multimodalität (Kress 2010)
Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern machte eine Trennung von Text und Bild technisch notwendig. Wissenschaften und mit ihnen die entsprechenden Schulfächer (z. B. Deutsch - Kunst) haben aus dieser Trennung verschiedene Fachgebiete gemacht.Die technische Trennung ist mit den digitalen Medien nicht notwendig. Damit rückt der Begriff der Multimodalität von Kommunikation in den letzten Jahren in den Fokus der Wissenschaft und des Kommunikationsdesigns. Multimodalität bedeutet, dass mehrere unterschiedliche kommunikative Kanäle genutzt werden. Bedeutend ist das gemeinsame Auftreten von Sprache, Schrift und Bild: Printmedien, Internet, Television, soziale Netzwerke überall finden wir diese Kombinationen. Aber auch das Design von Produkten, Architektur und Innenarchitektur, sowie Farbe spielen eine bedeutende Rolle. Das ist nicht neu, wird aber erst in letzter Zeit bewusst untersucht und verwendet. Nachrichtensender wären hier ein gutes Beispiel: gesprochene Sprache, bewegte Kamerabilder, animierte Bilder, Textbänder, Zeitangabe, Diagramme, Aufmerksamkeit erzeugende Animationen als Dekorationen.
Das Paradigma für die derzeitige Kommunikation ist der Bildschirm – genauer gesagt die Internetseite (das zeigt sich deutlich an aktuellen Schulbüchern, Publikumszeitschriften, Nachrichtensendungen).
Im Internet sprechen wir von Nutzern oder Besuchern, diese unterscheiden sich von den traditionellen Lesern. Traditionelle Leser bemühen sich darum, etwas zu verstehen, was ein Autor (früher) gedacht und geschrieben hat. Diese Vorstellung bestimmt weitgehend den schulischen Unterricht, den Deutschunterricht ebenso wie den Kunstunterricht. Besucher von Webseiten verhalten sich anders. Sie stellen sich den Sinn selbst zusammen, sie wollen auswählen und sich nicht gängeln lassen. Sie werden damit zu den „Designern“ (Kress) des Sinns der Botschaft. Sie haben damit eine veränderte Verantwortung?
WAS BEDEUTET DAS FÜR DEN BILDUNTERRICHT? (eine echte Frage)
Visuelles weniger kodiert
leichtverständliche Fotos
Fotografische Bilder werden leicht so leicht verstanden,
dass sie oft gar nicht als „Botschaften“ bemerkt werden. Bilder können
so unter
der Bewusstseinsschwelle auf unsere Vorstellungen von uns und der Welt
Einfluss
nehmen. Literalität müsste dies kritisch erkennen können.
visuelle Gestaltung - einfach
Die digitalen Techniken haben dazu geführt, dass visuelle
Gestaltung einfach geworden ist:
· Bilder lassen sich leicht, einfach und schnell herstellen, bearbeiten und veröffentlichen
· Texte und Bilder lassen sich einfach kombinieren
· Schriften lassen sich einfach generieren und verändern.
Damit sind die Möglichkeiten visueller Gestaltung unermesslich vielfältig geworden. Die Möglichkeiten erfordern formale Entscheidungen, die jeweils einen Unterschied in der Bedeutung und damit der Botschaft machen (Schriftart und Schriftgröße waren bei einem 1970 vervielfältigten Schreibmaschinentext keine Entscheidung und damit auch nicht „bedeutungsrelevant“).
Unzählige Bedeutungsvarianten
Die unterschiedlichen Möglichkeiten der Bedeutungserzeugung lassen sich heute nicht mehr seriös berechnen, da dauernd neue Alternativen dazu gekommen. Möglichkeiten, Fehler bei der Produktion und Rezeption von Botschaften zu machen, wachsen entsprechend.Das beinhaltet für visuelle Literalität hinsichtlich multimodaler Kommunikation:
· Schrift: Schriftart, Schriftgröße, Schriftfarbe, Schriftschnitt usw.
· Lay-out: Format, räumliche Anordnung, Medium (Bildschirm, Papier und Papierqualität)
· Bilder: Format, Rahmen, Abstraktionsgrad, Ikonizitätsgrad, Schärfe, Größe, Beleuchtung, Räumlichkeit
· Farbe
· Material
· ….
· Die Kombination all dieser Faktoren
Insgesamt gesehen können wir vielleicht von Stil sprechen.
Angemessenheit
Diese Entscheidungen fallen jeweils vor dem Hintergrund der
spezifischen Situation und den Zielen, die verfolgt werden. Zum
erfolgreichen
Kommunizieren (als Sender und Empfänger) muss man über diese
Bedingungen
Bescheid wissen. Aus der Rhetorik gibt es hier den Begriff der Angemessenheit, „… dass die Botschaft
passt“. Dies bedeutet vor allem Wissen um kulturelle Eigenheiten und um
Gesetzmäßigkeiten von Kulturen überhaupt. Wie oben schon erwähnt, kann
es hier
nicht darum gehen, für alle möglichen Kulturen die jeweiligen
Besonderheiten zu
kennen. Viel mehr ist es notwendig grundsätzliche Bedingungen und
Aufgaben von
Kultur zu verstehen: Inklusion, Exklusion, Tradition, Innovation,
Selbstbeobachtung, Kommunikation, Herstellen von Vorhersehbarkeit,
Kontrolle
sozialen Verhaltens, Komplexitätsreduktion, Unterhaltung ...
Visuelle Kommunikation ist heute in vielen Bereichen zu einer Anforderung geworden, die von den meisten Menschen in ihrem Beruf erwartet wird. Es ist wichtig, dass über diese Tätigkeiten nachgedacht und kommuniziert werden kann. Dazu braucht es ein gewisses Repertoire an Fachausdrücken.


