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historisches


Landgut Appolinare bei Rom von Villa Borghese aus

Goethe zeichnet in Italien

Frascati, den 15. November.
 
Die Gesellschaft ist zu Bette, und ich schreibe noch aus der Tuschmuschel, aus welcher gezeichnet worden ist. Wir haben ein paar schöne, regenfreie Tage hier gehabt, warm und freundlichen Sonnenschein, daß man den Sommer nicht vermißt. Die Gegend ist sehr angenehm, der Ort liegt auf einem Hügel, vielmehr an einem Berge, und jeder Schritt bietet dem Zeichner die herrlichsten Gegenstände. Die Aussicht ist unbegrenzt, man sieht Rom liegen und weiter die See, an der rechten Seite die Gebirge von Tivoli und so fort. In dieser lustigen Ge­gend sind Landhäuser recht zur Lust angelegt, und wie die alten Römer schon hier ihre Villen hatten, so haben vor hundert Jahren und mehr reiche und übermütige Römer ihre Landhäuser auch auf die schönsten Flecke gepflanzt. Zwei Tage gehn wir schon hier herum, und es ist immer etwas Neues und Reizendes.
Und doch läßt sich kaum sagen, ob nicht die Abende noch vergnügter als der Tag hingehen. Sobald die stattliche Wirtin die messingene dreiarmige Lampe auf den großen runden Tisch gesetzt und „Felicissima notte!“ gesagt hat, versammelt sich alles im Kreise und legt die Blätter vor, welche den Tag über gezeichnet und skiz­ziert worden. Darüber spricht man, ob der Gegenstand hätte günstiger aufgenommen werden sollen, ob der Charakter getroffen ist, und was solche erste allgemeine Fordernisse sind, wovon man sich schon bei dem ersten Entwurf Rechenschaft geben kann. Hofrat Reiffenstein weiß diese Sitzungen durch seine Einsicht und Autorität zu ordnen und zu leiten. Diese löbliche Anstalt aber schreibt sich eigentlich von Philipp Hackert her, welcher höchst geschmackvoll die wirklichen Aussichten zu zeichnen und auszuführen wußte. Künstler und Liebha­ber, Männer und Frauen, Alte und Junge ließ er nicht ru­hen, er munterte jeden auf, nach seinen Gaben und Kräf­ten sich gleichfalls zu versuchen, und ging mit gutem Beispiel vor. Diese Art, eine Gesellschaft zu versammeln und zu unterhalten, hat Hofrat Reiffenstein nach der Ab­reise jenes Freundes treulich fortgesetzt, und wir finden, wie löblich es sei, den tätigen Anteil eines jeden zu wec­ken. Die Natur und Eigenschaft der verschiedenen Ge­sellschaftsglieder tritt auf eine anmutige Weise hervor. Tischbein z. B. sieht als Historienmaler die Landschaft ganz anders an als der Landschaftszeichner. Er findet be­deutende Gruppen und andere anmutige, vielsagende Gegenstände da, wo ein anderer nichts gewahr würde, und so glückt es ihm auch, manchen menschlichen nai­ven Zug zu erhaschen, es sei nun an Kindern, Landleu­ten, Bettlern und andern dergleichen Naturmenschen, oder auch an Tieren, die er mit wenigen charakteristi­schen Strichen gar glücklich darzustellen weiß und da­durch der Unterhaltung immer neuen angenehmen Stoff unterlegt.
Italienische Reise
Die Geburt des Zeichnens und der Bildbesprechung aus dem Dilettantismus.


An der Tiber bei Rom

Corpus der Goethezeichnungen II, Nr. 47. 111x188 mm, weißes Papier. Bleistift, Aquarellfarben, Feder mit Tusche.

die Abbildungen stammen von Goethezeitportal (http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=goethe_zeichnungen)
dort finden sich auch weitere Zeichnungen von Goethe mit den entsprechenden Kommentaren
Franz Billmayer, 30.3.2007