|
Luitpold-Gymnasium
München
Gensbaur Seminar
für
Kunsterziehung Gunter
Otto
Mit
seinem bekanntesten
Buch versucht G.Otto erstmals 1963 eine Fachdidaktik der Kunsterziehung
vorzulegen, die es für sich in Anspruch nehmen kann, sich auf
allgemeine,
zeitgemäße Modelle der Didaktik zu beziehen.
Während er
im ersten Vorwort vor
allem den Unterschied seiner Didaktik eines
“Kunstunterrichts” von
veralteten
Modellen einer “Kunsterziehung”sehr allgemein
absetzt, konkretisiert er
seine
Forderungen an den Kunstunterricht im Vorwort zur zweiten Auflage 1969.
Seine
Didaktik des Kunstunterrichts ziele auf eine “Strukturierung
der
Lernprozesse”
und auf eine “Erweiterung des ästhetischen
Potentials” im
Unterschied zu
einseitig auf Bildende Kunst beschränkte fachdidaktische
Modelle
(er meint wohl
vor allem Pfennig). Kunstunterricht diene zum Herstellen einer
“Kommunikation
mit ästhetischen Objekten”, die sich nicht allein
auf
gesellschaftlich
akzeptierte Formen der Kunst beschränken lassen. Im ersten Kapitel
schildert der Autor die Lage der Fachdidaktik im Jahre
1968. Vorab stellt er mehrere Forderungen an eine
zeitgemäße
Fachdidaktik: sie
müsse sich auf ein gültiges allgemeines didaktisches
Modell
beziehen. Das hat
Folgen für deren Terminologie -
Otto
spricht demzufolge auch im Kunstunterricht von
“Problemlösungsprozessen,
Lernzielen, Lernzielkontrollen usf.. Otto diskutiert zwei Modelle: Das
Modell
einer “Kategorialen Bildung” von Klafki (1967), bei
der es darum geht,
die
Stoffmassen der Lehrpläne auf die 4 Bildungskategorien des
Exemplarischen, des
Fundamentalen, des Elementaren und Typischen hin zu
überprüfen. Otto kritisiert
jedoch den hohen Erweckungsanspruch einer derartigen Didaktik, deren
wichtigstes Ziel ein nicht meßbarer Zuwachs an
“Bildung”
darstellt. Er
vergleicht das Vokabular der Bildungsdidaktiker mit
Äußerungen der Vertreter
der Musischen Bildung (Ott) und warnt vor deren Ablehnung der
Kunstwissenschaft
im Unterricht. Demgegenüber sieht er in der 1962 von Heimann
und
Schulz
entwickelten Lerndidaktik eine Chance für den Fachdidaktiker. Im Unterricht
erreichbare oder anzustrebende Ziele, sog. Lernziele müssen
von ihr präzisiert werden. Die Lehr- und Lernprozesse im
Kunstunterricht müssen
strukturiert werden. Der Unterrichtsverlauf müsse
kontrollierbar
werden durch
die Bereitstellung von Methoden der Leitungsmessung. Ferner
müssen
soziokulturelle Faktoren und Prozesse als Elemente des didaktischen
Entscheidungszusammenhangs in einer derartigen Fachdidaktik dargestellt
werden. Die allgemeine
Didaktik lehrt den Fachdidaktiker Gunter Otto fragen: nach
den Strukturmodellen des Lehr- und Lernprozesses und nach Instrumenten
zur
Bestimmung der Lernziele. Sie gibt ihm methodische Entscheidungs- und
Realisationshilfen und eine Kontrollhilfe für den
Fachunterricht. Nach diesen
allgemeinen Postulatenversucht Gunter Otto einige Formen
gegenwärtiger Praxis des Kunstunterrichts darzustellen. Er
stellt
Fragen an den
Anfang, die sich jedem, der Kunstunterricht gibt in seiner Praxis
stellen. Soll
Naturstudium oder abstrakte Malerei gelehrt werden? Welche Rolle spielt
die
Gegenwartskunst innerhalb der Fachdidaktik? Ist die Information
über
Kunstgeschichte wichtiger als praktische Erfahrungen in Malerei und
Zeichnung? Er
stellt fest, daß es allgemein gängige Praxis sei,
die
Stoffülle beispielsweise
nach persönlichen Vorlieben oder zufällig vorhandenen
Lehrmitteln zu
beschränken. Viele Kollegen tradieren bewährte
Verfahren,
bevorzugen bestimmte
Themen in bestimmten Klassen. Als Beispiel nennt er das Thema
“Vogel
singt im
Käfig” in einer 5. Klasse, bei dem die
Schüler ohne die
Intentionen des Lehrers
zu kennen zunächst den Vogel, dann den Käfig malen.
Entsprechender
Anweisungsgehorsam der Schüler führt dabei zu einem
guten
einheitlichen
Klassenergebnis, das die Spiel- bzw. Arbeitsregeln garantieren. Otto
fragt
sich, wie ein derartiger Unterricht methodisch auf die gegenstandsfreie
Malerei
reagiere. Er konstatiert eine verbreitete Ratlosigkeit, die sich
häufig in der
Anweisung manifestiere:”heute malen wir mal
modern”. Wenn also die
Methode des
Malens zum Bildgegenstand werde, versagen die genannten
Unterrichtskonzepte. Das
widerspricht der Auffassung Ottos vom Kunstunterricht als einem
ständigem
Wandel unterworfenen Prozeß. Als Antwort auf diese Situation
fordert er, daß
pädagogisches Handeln auch im Kunstunterricht kontrolliert und
zu
rechtfertigen
sein müsse. Er fragt weiter, was die Gesellschaft vom
Kunstunterricht in der
Schule erwarte und konstatiert einen Konflikt zwischen Schule und
Gesellschaft.
Besonders der Kunsterzieher, der in sich den Konflikt zwischen
Erziehungsbeamten und Künstler austrage habe häufig
ein
gebrochenes Verhältnis
zur Rationalität. Diese sei jedoch auch im Bereich der Kunst
hilfreich. Gunter
Otto fordert als Resumee seiner Analyse des Kunstunterrichts im Jahre
1968 eine
dementsprechend stärkere Einbindung auch reflexiver
Erfahrungen in
Unterricht. Zu
diesem Zeitpounkt noch immer sehr verbreitete fachdidaktische Konzepte,
die
sich allein auf die schöpferischen Kräfte des
Menschen
beziehen, allein die
Ausgleichsfunktion des Fachs betonen und, unterstrichen durch
Praxisapelle, nur
Wert auf das Produzieren und auf rein
gefühlsmäßige
Reaktionen der Schüler
legen, lehnt er strikt ab. Bevor er nun seine
eigene Didaktik ausformuliert widmet er ein Kapitel
seiner Schrift der Struktur und der Funktion der Kunst der Gegenwart.
Er
zitiert R. Pfennig, der als Gegenstand des Kunstunterrichts das
“Bildnerische
Denken” bezeichnet, “konkretisiert im Handeln der
Schüler und
exemplifiziert an
den Werken der Gegenwartskunst”. Demgemäß
komme der
Gegenwartskunst
entscheidende Bedeutung im Kunstunterricht zu. Was bestimmt also die
Struktur
und die Funktion der Kunst der Gegenwart. Die moderne (1968) Kunst ist
eine
Kunst ohne Gegenstände und
beschränkt
sich zunehmend innerkünstlerische Strukturen, die Otto mit
“Material”,
”Experiment” und “Montage”
bezeichnet. Das Atelier des Malers habe sich
in eine
Werkstatt verwandelt in der das Material zum Partner des
Künstlers
geworden
sei. Der Begriff Experiment habe nicht fälschlicherweise einen
naturwissenschaftlichen Beigeschmack und Montage sei das Stilprinzip
der
Moderne schlechthin. Um die Anwendung der drei Kategorien in der Kunst
zu
exemplifizieren nennt er Beispiele die die Pop-Art, den Surrealismus,
sowie
Bildanalysen zu Almir Mavignier, Rupprecht Geiger und Arakawa. Welche
Rolle
spielt die Gegenwartskunst in der Gesellschaft? Wie
läßt
sich die Funktion der
Kunst im Leben der Menschen und somit auch im Kunstunterricht
begründen? Otto
betrachtet die Entwicklung der Kunst (Malerei) seit dem Kubismus und
behauptet,
das aus dem Bild des Gegenstandes zunehmend ein Gebilde
“eigenen
Rechts”
geworden sei, aus der Subjektivität erwachsen,
eigengesetzlich,
theoriebezogen
und abstrakt. Dies müsse Folgen haben für den der sie
lehre.
Er müsse sich
fragen, was eine derartige moderne Kunst lehre. Am Beispiel des
modernen
Designs, das abstrakte Gestaltung selbstverständlich
aufgenommen
habe,
zeigt Otto,
daß die Kunst in der
modernen Gesellschaft nicht mehr Leitideen formuliere, sondern vom
Rande her
wirke. Sie böte dem Betrachter Freiheit und
Subjektivität an
und bedeute somit
einen Freiheitsgewinn. Der Mensch habe durch die Kunst
Möglichkeiten zur
Information und zur Verhaltensänderung. Der Weg über
die
Theorie kann zum Bild
führen. Wer sich mit ihr auseinandersetzt entgeht der Gefahr
einer
Verharmlosung durch den schönen Schein, der Gefahr einer
Anpassung, das Kunst
auch sensibel machen kann. Kunst mache die Welt transparent und trage
somit zu
deren Veränderung bei. Die erwähnten didaktischen
Funktionen
der Kunst
resultieren aus den Intentionen der Kunst. Der Kunstpädagoge
müsse im
Unterricht “Anschlußstellen” suchen,
über die er die
Schüler zur modernen Kunst
führen könne. So kann der Weg in die Kunst sowohl
über
die Faszination des
Machens, als auch über das Wissen und die theoretische
Information
führen.Gegenwartskunst, so schließt Otto etwas
pathetisch
dieses Kapitel seiner
Betrachtung, sei ein “Übungsfeld der
Toleranz” und trage somit zur
“Demokratisierung der Kultur” bei. Kunst macht auf
Veränderbarkeit
von
Strukturen und auf Kommunikation aufmerksam. Sie müsse demnach
gelehrt werden.
Wer sich mit ihr beschäftige, übe sich in die
Grundhaltung
des Integrierens,
des Tolerierens, des Experimentierens und Kritisierens ein. Die
Gesellschaft
fordere entsprechend vom Kunstunterricht eine
“Hinführung zur
Kunst im
weistesten Sinne”, eine “Hinführung zur
Wirklichkeit” und eine
“Hinführung zur
Gesellschaft”. Im folgenden Kapitel
untersucht G. Otto das Schulkind und den Jugendlichen
im Verhältnis zur Welt und zur Kunst. Er befragt die
Erkenntnisse
der
Entwicklungspsychologie danach, ob es ein altersstufentypisches
Verhältnis zur
Welt gibt, ob sich das in der Kinderzeichnung niederschlägt
und
welche
didaktische Funktion derartige Beobachtungen haben. Er versteht dies
alles
nicht als konkrete Vorschläge für den Fachunterricht,
sondern
versucht das
Potential zu klären, auf das ein derartiger Unterricht
aufbauen
könnte. Otto
stellt an den Fachdidaktiker die Forderung, daß die
Unterrichtsinhalte in
Kenntnis der altersstufentypischen Entwicklung so auswählt,
daß sie mithelfen,
über die altersgebundene Begrenzung hinauszuführen.
Nicht das
Bewahren des
Kindes auf der alterstypischen Stufe, wie ältere Konzepte der
Fachdidaktik es
empfehlen, sondern das Hinausführen in die nächste
Entwicklungsstufe ist Ziel
des Unterrichts. Dazu, besonders auch zur Beurteilung der Resultate des
Unterrichts,
ist die Kenntis der anthropologisch-psychologischen Grundlegung des
Kunstunterrichts unerläßliche Voraussetzung. Unter
Berufung
auf die Autoren
Gesell (1958) und Langeveld (1956) weist er zusätzlich auf den
Einfluß der
Umwelt, der soziokulturellen Faktoren auf die Entwicklung der
Kinderzeichnung
hin. Auch diese Einflüsse haben Konsequenzen für den
Fachdidaktiker. Er stellt
die Phasenmodelle der Entwicklungspsychologie zum Schulkindalter
insofern in
Frage, insofern er von der entscheidenen Bedeutung des Elternhauses und
des
Vorunterrichts der jeweiligen Schüler spricht. Dennoch glaubt
Otto
dem
Unterrichtenden eine gewisse Allgemeinorientierung geben zu
müssen, die sich an
den bekannten Phasenmodellen orientiert. Otto unterscheidet in seinen
Ausführungen zwischen dem Schulkindalter und dem Jugendalter,
dessen Beginn er
mit dem 12./13. Lebensjahr ansetzt. Er beschreibt jeweils die
alterstufengerechte Entwicklung und wertet konkrete Beobachtungen aus
dem
Schulunterricht aus. Er läßt die Kinder und
Jugendlichen
dabei sich selbst über
eigene Malereien und Bilder von Klee und Picasso
äußern.
Otto leitet aus den
Beobachtungen ab, daß ältere Schüler Bilder
nicht mehr
ausschließlich
inhaltlich zu deuten versuchen, sondern sich zunehmend auch
für
den
Herstellungsprozeß und die Formalstrukturen des Bildes
interessieren. In ihnen
erwache ein starkes Interesse für Darstellungstechniken und
Ausdrucksformen. Sie
malen nicht mehr ein “Autorennen”, sondern
“wie Picasso”. Der
Kunstunterricht
muß demnach eine “bildnerische Schulung”
bieten. Reflexion habe
innerhalb
dieser Schulung einen besonders wichtigen Stellenwert. Während
das
Schulkind
stark außenweltbezogen sei, erweitere sich beim Jugendlichen
der
Horizont auch
gegenüber der eigenen Innenwelt. Er erkenne aus dieser neuen
Dimension die
Möglichkeit, das Leben selbst, und nicht nur die
faßbaren
Gegenstände der
Umwelt zu gestalten. Er findet sein Verhältnis zur Welt, indem
er
sich direkter
als das Schulkind kulturellen Inhalten
und Problemen der Gesellschaft zuwendet. Das Schulkind orientiert sich
in einer
nahen, vorwiegend gegenständlichen Welt. Es versucht, die
Gegenstände zu
durchdringen, ihre Zwecke und Funktionsweise zu erfassen. Der
Jugendliche
erlebt die Welt anders strukturiert. Er versucht über den
Nahraum
mit seinen
konkret faßbaren Inhalten hinausgehende Einsichten in
übergeordnete
Zusammenhänge des Kultursystems überhaupt zu
gewinnen.
Merkmale der Pubertät
seien die Fähigkeit zu abstrakter Reflexion, die Zuwendung zu
Symbolen, die das
abstrakte Denken erschließen. An Stelle der bisherigen
Extraversion trete eine
Introversion. Sie kann bis zur Trotzhaltung gegenüber der
umgebenden Welt
führen. Diese erste Phase der Reifezeit reißt das
Kind aus
seiner naiven
Sicherheit der Weltbezüge heraus. Mit dem Verlust der
positiven
Stellung zum
Leben ist der häufig betonte Leistungsrückgang
verbunden.
Hetzter nennt die
Phase “negative Phase”.
Selbstüberschätzung und
Minderwertigkeitsgefühle
streiten miteinander. Viele junge Menschen bauen sich jetzt,
alleingelassen
eine Abwehrhaltung gegenüber der Gesamtkultur auf. Die
Gesamtaufgabe der Schule
sei nach Langeveld der Prozeß der
“Intellektualisierung” des
Jugendlichen. Diese
sei notwendig, damit die subjektive Welt zugunsten einer gemeinsamen
distanziert werden kann. Das Fach Kunsterziehung versteht sich als
Möglichkeit,
an dem immer anders akzetuierten Ineinander von Experiment und
Information,
Handlung und Beobachtung, Erfahrung und Belehrung, Anpassung und
Protest,
Vertrauen und Zweifel, Sicherheit und Risiko, Aktivität und
Kontemplation,
Produktion und Reflexion sowie Wissen und Fühlen mitzuwirken,
welche diesen
Prozeß des Erwachsenwerdens begleiten. Im folgenden Kapitel
stellt Otto historische Ansätze einer Theorie der
Kunsterziehung kritisch dar, nicht ohne die bereits in der Einleitung
formulierten Forderungen an eine gültige Fachdidaktik zu
wiederholen:
Kriterien, die auf jeden fachlich gegliederten Unterricht anwendbar
sein müssen
und sich demnach auf ein allgemeindidaktisches Modell beziehen,
Berücksichtigung der anthropogenen wie auch der
soziokulturellen
Faktoren des
Unterrichts und Klärung der Inhalte und Methoden des
Unterrichts.(Unterricht im
Sinne all jener beabsichtigten, geplanten oder
lehrgemäß
geordneten Formen der
Belehrung, die über gelegentlichen oder zufälligen
Erkenntnis- oder
Erfahrungsgewinn hinausgehen). Noch einmal spricht
er sich gegen Klafkis Bildungstheorien der Didaktik
aus, da Bildungsgüter und
die
natürlichen Kräfte des Kindes zu einseitig betont
werden. Dem
Fachdidaktiker
liern sie somit keine brauchbaren Auswahlkriterien zur Wahl der
Unterrichtsgegenstände. Die Lernprozeße werden
innerhalb
dieser Didaktik nicht
näher artikuliert. Bildungsdidaktiker stehen somit in der
Nähe jener
reformpädagogischer Theorien der Kunsterziehung, die die
Betonung
nicht auf das
sachbezogene Wort “Kunst”, sondern auf das Wort
“Erziehung”, dessen
ideologischen Anteile überwiegen, gelegt haben. Statt dessen
schlägt Otto das
Wort “Kunstunterricht” vor, da die Betonung auf
Unterricht die
Sachinformation
dominanter herausstelle. Eigentlich sei zum Zeitpunkt der Erscheinung
seiner
Fachdidaktik (1968) keine Theorie der Kunsterziehung oder des
Kunstunterrichts
vorhanden. Seine kritische Durchsicht der vorhandenen Modelle liefere
demnach
nur Orientierungshilfen für den Unterrichtenden. Mit den
Veröffentlichungen und Ausstellungen Corrado Riccis (1906) zur
Kinderzeichnung und der Reformbewegung um die Jahrhundertwende habe
sich der
vormalige Zeichenunterricht zum Fach Kunsterziehung gewandelt. Dieser
Wandel,
der sich in den Kunsterziehertagen von 1901/03 und 1905 manifestierte,
geschah
zunächst aus der Ablehnung wilhellminischer Didaktik heraus.
In
den Jahren nach
dem Ersten Weltkrieg (1920-30) erst entstanden auffällig viele
Schriften zum
Thema Kinderzeichnung. Eine dieser Schriften, “Das Genius im
Kinde” von
G.Hartlaub (1921), bespricht Otto näher. Er bezeichnet
Hartlaubs
Konzept einer
Kunsterziehung als “Abschirmpädagogik”,
die antiwissenschaftlich
sei und sich
ausschließlich mit Problemen besonders begabter
Schüler
befasse. Hartlaub böte
keine Basis für “Unterricht”, sondern
beschreibe in seinem Buch
eher Leitlinien
für “Einschränkung von
Unterricht”. Otto bezeichnet dieses
Konzept als
“negative Pädagogik”, die besonders
für das Jugendalter keine
Vorschläge zur
Hand habe, da der Jugendliche “realistisch”
behandelt werden
müsse. Vor allem
in der Grundschule meint Otto Auswirkungen Hartlaubs zu erkennen.
Lehrer, die
ihr pädagogisches Unvermögen mit dem Spruch, man
solle die
Kinder “nur machen
lassen”, zu verbergen suchen, seien immer noch weit
verbreitet. Eine
“Pflege
der Naivität” im Sinne Hartlaubs sei letztlich
jedoch “repressiv”. Otto stellt auch ein
fachdidaktisches Konzept dieser Zeit vor, das sich von
Hartlaub kritisch distanziert. Die Schrift “die Kunst des
Kindes” von
Oskar
Wulff (1927). Wulff warnt vor der Verabsolutierung des Geniebegriffs
und
fordert vom Kunsterzieher an den Schulen die Pflege des
Begabungsdurchschnitts.
Seine Didaktik sei eine “Erziehung zum rechten
Sehen”. Die Didaktik
gliedert
sich in 4 Gruppen, die nicht nach Klassen, sondern nach
Entwicklungsstufen
eingeteilt werden. Bereits bei 7- und 8-jährigen Schulkindern
soll
der
Kunsterzieher durch Vormachen in Anlehnung an Zeichenvorlagen die
“Sehform”,
die sich flächig, zeichnerisch und aus der Erinnerung
schematisch
gebildet
habe, berichtigen. Otto kritisiert zu Recht, daß Wulff hier
viel
zu früh
ansetzt. 8-10jährige Schüler bekommen vom Lehrer
einfache
Modelle und
Gegenstände mit einfachen Flächenformen zum
Abzeichnen
vorgelegt. Mit 10-13
Jahren besteht der Unterricht aus Zeichnen technischer Geräte
aus
der
Anschauung und Übungen in Perspektive. Ab dem 14. Lebensjahr
kommen
unregelmäßige Naturgebilde und das Problem des
Licht-Schattenzeichnes hinzu. Wulffs
Didaktik “vom Leichten zum Schweren” klammere
affektiv-kindliche
Komponenten
des Fachs Kunsterziehung völlig aus. Die Bildende Kunst komme
in
diesem Konzept
so gut wie nicht vor. Sein Modell ziele an der tatsächlichen
Entwicklung der
Schüler vorbei. Aus heutiger Sicht lasse sich eine Bewertung
“falsch”, “richtig”,
im Sinne des Naturbildes nicht mehr vertreten. Vorzeichnen an der Tafel
als
didaktische Methode war bereits im Erscheinungsjahr der Schrift
veraltet. Dennoch
lassen sich auch im Kunstunterricht des Jahres 1968 noch analoge
didaktische
Modelle in nicht auszurottenden Resten antreffen. Ebenfalls im Jahre
1927 erschien Gustaf Britschs “Theorie der Bildenden
Kunst”. Britsch sehe im kindlichen Zeichnen
“Urkunden”, die auf eine
Verarbeitung sog. Gesichtssinneserlebnisse
Rückschlüsse
ermöglichen. Britsch
bietet ein in sich geschlossenes System, ein Schema an, mit dem sich
rein
“optizistisch” auf die Qualität eines
Bildes schliessen lasse. Das
gilt für das
Kunstwerk genauso, wie für eine Kinderzeichnung. Darauf,
daß
neben rein
optizistisch zu beurteilenden Kriterien auch körperliche
Aktionen,
optische
Erfahrungen und emotionale Haltungen in die Struktur von
Kinderzeichnungen
verwoben seien, nehme die Britsch-Theorie keine Rücksicht.
Dieses
System sei
bis heute eine große Verlockung für den
Kunstpädagogen.
Im Hinblick auf die
Zeitschrift “die Gestalt”, die im Jahre 1968 unter
Kunstpädagogen noch weit verbreitet war und
sich auf die
Britsch-Lehre beruft,
kritisiert Otto die
Konformität der Unterrichtsergebnisse. Statt einer produktiven
Lebendigkeit und
immer neuer Auseinandersetzung böte diese Lehre ein rein
formales
Konzept ohne
psychologische Begründung. Schließlich
stellt Otto die Konzepte der “Musischen Bildung”
dar. Als
Repräsentanten nennt er Otto Haases Schrift
“Musisches Leben” aus
dem Jahre
1951. Quellen der musischen Erziehung sei J. Langbehn (Rembrandt als
Erziher,
1890), die Reformbewegung und der Wandervogel (1896). Gegner des Musischen
sei die Technik. Der Lebensraum des Musischen sei das
Spiel. Mit Blick auf die Quellen der musischen Bewegung versteht diese
sich als
Protest gegen die einseitig fortschrittsgläubige und
technisierte
Gesellschaft
des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Diese Ablehnung der jeweils
gegenwärtigen
Kunst ziehe sich bis heute durch. Im Sinne einer
“Rückkehr zu den
Wurzeln” des
Künstlerischen bediene sich die musische Pädagogik
einseitig
volkstümlicher
Formen der Kunst, der Musik und des Tanzes. Auf eine Auseinandersetzung
mit der
“Vielgestaltigkeit” der Kunst wird bewußt
verzichtet, jedoch mit
dem Anspruch,
den “ganzen” Menschen bilden zu wollen. Hier
übernimmt Otto im
Wesentlichen die
Kritik, die Th. Warner bereits im Jahre 1954, also zu der Zeit, in der
sich die
Musische Bildung auf Kunsterziehertagungen
neu konsolidierte, formulierte. Musische Erziehung
lehen
lebenspraktische Dinge im Unterricht ab, sie stelle an den Unterricht
zu wenig
Informationsanspruch und stehe mit dem Rücken zur Wirklichkeit
des
Lebens. In
den didaktischen Theorien der Musischen Bildung fänden sich
selten
präzise
Angaben zum Alter der Schüler. Allgemeine Ziele
(Prägung,
Erweiterung der
Innerlichkeit, Gemütsbildung...) seien zu idealistisch
formuliert,
während
konkrete Ziele viel zu bescheiden beschrieben werden. Die Kritik an der
Musischen Erziehung sei in den vergangenen Jahren spürbarer
geworden, da die Gesellschaft
zunehmend ideologiekritisch eingestellt sei, auch die
Kunstfächer
rationalisiert würden und allgemein die Probleme des Lernens
aktueller geworden
seien. Otto schließt sich der aktuellen Kritik H.
Möllers
an, der die Musische
Erziehung als “intellektfeindlich”charakterisiert
und sie aufgrund
ihrer
unsachlichen, nur für Eingeweihte verständlichen
Terminologie
in die Nähe zu
NS-Parolen rückt. Er unterstützt die Ansicht
Dahrendorfs, der
ihr unterstellt,
private, keine gesellschaftlichen Tugenden zu fördern.
Musische
Erziehung böte
dem Schüler Instrumente zur Schaffung einer eigenen Welt und
Selbstverwirklichung und verstärke einseitig die
Individualzüge des Menschen. Musische
Kunsterziehung dränge den Einzelnen in die Sonderrolle des
“Schöpfers” und
“Genießers”.
Sie verhindere somit seine Teilhabe an öffentlicher Kultur und
die
Förderung
sozialer Tendenzen. Neben den genannten
Konzepten existieren in der Kunsterziehung Konzepte,
die Otto als “Gestaltungslehren” bezeichnet.
Kunstpädagogische
Konzepte dieser
Art versuchen eine systematische Ordnung der Mittel und
Gestaltungsvorgänge,
auf denen Kunst beruht. Hervorgehend aus dem Bauhaus haben sich 2
verschiedene
Gruppen derartiger “Elementarlehren”
herausgebildet. Die “traditionelle
Elementarlehre”, wie Otto sie bezeichnet, gehe auf J. Itten
und seine
Vorlehre
am Bauhaus (1919-23) zurück. In ihr werden methaphysische
Elemente
(Entspannungsübungen, Atemübungen,
”Liebesregung des Herzens”
als Beginn jedes
künstlerisch-schöpferischen Werks, usw.) und
Gestalungskunde
ineinander
verwoben. Ittens Lehre besitze “Tagebuchcharakter”
und entbehre einer
Systematik. Otto nennt die ebenfalls unter dem Einfluß des
Bauhauses 1937 veröffentlichte
“Gestaltungslehre” von Alfred
Erhardt. Seine Lehre basiere auf den jeweiligen Bedürfnissen
des
“Materials”
und leite daraus die Gestaltungsaufgaben ab. Erhardt empfehle
“greifbare”
Themen bis zum 10./12. Lebensjahr. Für die Entwicklungsjahre
rät er “sachliche”
Themen. Große Bedenken äußert er gegen
“spezifisch
kindliche” Themen. Für Otto
bleibt diese Lehre pädagogisch zu allgemein, da kaum
Altersangaben
zu finden
seien. Anders sei das bei
den “elementaren Strukturlehren”, wie Otto es
bezeichnet. Er nennt einen kunstpädagogischen Arbeitskreis um
Hans
Ronge
(1969). Lernen im Kunstunterricht habe eine Veränderung des
“Zeichenvorrats”
zur Folge. Die Untersuchungen Ronges tendieren zur
Beschränkung
auf einfache
Zeichensysteme. Erstmals werde systematisch eine bewußte,
steuerbare
Initiierung von Lernprozessen, eine Messung der Ergebnisse dieses
Lernprozesses
und eine Analyse von Kunstwerken versucht, deren Struktur zu diesen
Prozessen
analog sei. Abschließend
erwähnt Otto in seinem Überblick die 1967 von Kurt
Staguhn
veröffentlichte “Didaktik der Kunst”.
Staguhn liefert vor allem
eine anthropologische
Begründung des Fachs. Für ihn ist Zeichnen
“Vorstellungsklärung”. Das Thema im
Kunstunterricht sei der Ausgangspunkt, ein
“Vehikel” um Vorstellung zu
klären. Die
bildnerische Tätigkeit im Kunstunterricht soll zur Entwicklung
bildnerischer Ordnungen
veranlassen. Sie hat keinen primären Informationswert im
Hinblick
auf Kunst,
sondern soll die Vorstellung klären, die das Kind von der Welt
hat. Die “Kindnähe”
führt in
Staguhns Konzept zugleich
zu einer “Kunstferne”, die Gunter Otto kritisiert. Zusammenfassend
nennt Otto noch einmal die Elemente, die in den revidierten
Fachdidaktiken einer zeitgemäßen Auffassung
entgegenstehen:
Oft dominiere in
psychologisch bestimmten Konzepten ein psychologisch nicht haltbarer “Erlebnisbegriff”.Volkskunst
sei dominant und
Gegenwartskunst werde ausgeklammert. Derartige Kulturkritik verenge
häufig den
Blickwinkel (Musische Konzepte). Vernünftige Kriterien zur
Wahl
der Inhalte des
Unterrichts fehlen. Künstlerische Phänomene werden
rein
“optizistisch” gedeutet
(Britsch). Diese Konzepte seien unspezifisch, idealistisch und
letztlich
utopisch. Andere Theorien der Kunsterziehung berücksichtigen
die
moderne
Entwicklungspsychologie zu wenig. So liegen den Bauhauslehren rein
materiale
Bildungskonzepte zu Grunde. Auswahlkriterien der
unübersehbaren
Stoffülle seien
nur künstlerische Formalia. Statt eines pädagogisch-
psychologischen Bezugs
suche man beispielsweise nach Materialbezügen (Erhardt). Die Konzepte basieren
selten auf empirische
Studien. Vielmehr stellen sie Fixierungen bestimmter, das Handeln
normierende,
fest eingefahrene Voreinstellungen dar. Von dieser Feststellung nimmt
Otto
jedoch die Untersuchungen des Ronge-Kreises und der Kollegen um R.
Pfennig
ausdrücklich aus, da diese ihre Ergebnisse stets an
Unterrichtsergebnissen
verifizieren. Otto sieht die Zuverlässigkeit der
unterrichtlichen
Experimente,
denen diese beiden Arbeitsgruppen gegenüberstehen auch
deutlich
als Problem
seiner eigenen Fachdidaktik an. Nach einer
Übersicht über bestehende Konzepte der Fachdidaktik
entwickelt
Otto sein eigenes Modell, das er “Kunstunterricht als
Prozeß”
nennt. Der
Unterrichtsprozeß werde durch drei Faktoren, anthropogene,
sozio-kulturelle und
fachliche Faktoren bestimmt. Hier argumentiert Otto parallel zu
Heimann. Bevor
er auf didaktische Entscheidungen eingehen kann, die seine Fachdidaktik
dem
Unterrichtenden anbieten kann, untersucht Otto diese drei Faktoren im
einzelnen. Er unterscheidet wieder zwischen dem Schulkindalter und dem
Jugendalter. Das Schulkind bringe zeichnend die Welt in Erfahrung.
Ergebnisse
der Kinderzeichnung seien keine Kunst, da Kinder nicht beabsichtigen
“Kunst” zu
machen. Otto fordert von jedem Kunstunterricht, daß er die
Lösung bildnerischer
Probleme, die Einführung in bildnerische
Problemlösungsprozesse, die
Artikulation von Zeichen und den Erweb bildnerischer Ordnungen
ermögliche. Unterricht
soll helfen, die Grenzen der Entwicklungsstufe zu
überschreiten.
Er empfiehlt
dem Unterrichtenden Motive zu suchen, die den Blick zugleich auf
bildnerische
Probleme lenken (Beispiel: Vesuvausbruch bei Nacht - Hell-Dunkel,
Farbkontraste). Das Schulkind, wie
aus den Ausführungen zur Entwicklungspsychologie
herauszulesen war, ist der Welt gegenüber realistisch
eingestellt
und setzt
sich mit dem auseinander, was ihm begegnet. Schulkind und Kunst seien
demnach
schwer miteinander vereinbar, da der Künstler die Welt in
einer
dem Kinde nicht
mehr oder noch nicht verständlichen Art und Weise auslege. Das
Kind
identifiziere den Gegenstand, während der Künstler
ihn
transzendiere. Dieser
Konflikt führe bei vielen Kunstpädagogen zur
Bevorzugung der
Volkskunst oder
der Kunst der Vergangenheit. Otto kritisiert in diesem Zusammenhang
aber auch
die auf die Gegenwartskunst bezogenen didaktischen Konzepte von Pfennig
und
Staguhn, die das Thema im Kunstunterricht entweder therapeutisch
(Staguhn) oder
allein zur Integration der kindlichen Vorstellungswelt in die
Gestaltungsprinzipien der Kunst, also der Erwachsenenwelt (Pfennig)
auffassen. Anliegen
der ersten Jahre des Kunstunterrichts müsse es sein, mit dem
Medium der Kunst
die kindliche Welterfahrung und die Dokumentation des kindlichen
Seineim
Winterschlußvers zu erweitern. Dies geschehe in der
Artikulation
von Zeichen,
der Ordnung von Zeichenzusammenhängen, der Strukturierung
farbiger
Formen durch
einfaches Mischen, der Strukturierung graphischer Formen, der
Strukturierung
der Plastik durch Addition und Subtraktion, sowie durch Addition von
Einheiten
im Raum. Otto fragt nach Faktoren, Inhalten und Problemen der Bildenden
Kunst,
die sich bereits im Unterricht der ersten Grundschuljahre ins Blickfeld
rücken
lassen. Er fragt nach der unterrichtlichen Funktion der Kunst. Das Kind
interessiere sich eher für die
“genetische” Dimension und den
kommunikativen
Aspekt der Kunst. Sachlogische und historische Aspekte spielen keine
Rolle. Der
experimentelle Charakter der heutigen Kunst und das Wesen des Kindes
seien
verwandt. Das Kind frage im Künstleratelier nicht
“was”, sondern
“wie und
“womit” etwas gemacht ist. Mit den
“Wegen” der Kunst und deren
Instrumenten
lassen sich auch im Kindesalter Motive und Inhalte der Umwelt
bearbeiten. Die
Konsequenz daraus seien neuartige, differenzierte
Handlungsabläufe, wie
Finger-painting, Wachsschabtechniken, Kratztechniken usw.. Die
üblichen
Aquarellfarben seien eher ungeeignet, da sie keine Korrektur zulassen,
wie
beispielsweise Leim-Deckfarben und der vom Kunsterzieher
geschätzte unruhige
Farbauftrag vom Kind als Schmieren empfunden werde. Die Materialien
sollten
keine technischen Erkenntnisse voraussetzen, sondern deren Erwerb
ermöglichen. Malgründe
und Formate sollten häufig wechseln und so einen
zusätzlichen
Anreiz bieten. Die
Motive sollen aus der direkten Umwelt des Kindes stammen und
Beunruhigungscharakter besitzen. Die Phantasiewelt des Kindes bilde
keinen
Gegenbegriff zur Technik und zur Wirklichkeit, wie häufig
fälschlich angenommen
werde. Bilderbuchklischees müssen verhindert werden. Als
Beispiele
geeigneter
Themen für dieses Alter nennt Otto:
“Autofriedhof”, “Wir
drängeln uns in der
Früh in die Schule hinein” (2. Schuljahr),
“Quergestreifter
schiebt
Längsgestreiften” und “Mutter probiert Hut
beim
Winterschlußverkauf”(4.Schuljahr). Otto zieht zum
Vergleich die Fachdidaktik K. Schwerdtfegers (1960) hinzu,
der bis zum 12./13. Jahr vom Grundschulalter und anschließend
von
der späten
Kindheit spricht. Für ihn sei die Aufgabe der Grundschule die
Differenzierung
der Formgehalte der Kinderzeichnung mit den typischen Merkmalen einer
konstruktiven, dekorativen, additiven und sachbezogenen Linie und einem
tektonisch-ornamentalen Über-und Nebeneinanderbauen der
räumlichen Bezüge. Die
Kinderzeichnung bevorzuge lichte, reine Farben, die bauend, nicht
fließend
verarbeitet werden. Otto beruft sich auf die Forderung Eberts (1967),
der von
der Kunsterziehung in dieser Altersstufe ein
“Stimulieren” der
kindlichen
Differenzierung und Spezifizierung erwartet. Otto zitiert H.
Read, der in der Entwicklung einen Einschnitt beim 11./12. Lebensjahr
des Kindes zu erkennen meint. Eine Orientierung an der Kultur und der
Gesellschaft löst die affektive Zuwendung des Kindes zur Welt
ab.
Statt des
kindlichen “Lustprinzips” trete immer
stärker ein
“Realitätsprinzip” in
Erscheinung. Wenn die affektiven Stellungnahmen zu Gunsten eines
stärker
“reproduktiven” Bedürfnisses nachlassen,
kündigt sich das
Ende der Kindheit an.
Die Gegenstände sind für den Heranwachsenden nicht
mehr nur
manipulierbares
Material, sie haben Gestalt und Form. Entsprechend stellt der
Jugendliche an
seine Zeichnungen den Anspruch der Übereinstimmung mit der
Erscheinungswirklichkeit
und mit vergleichbaren, scheinobjektiven Wiedergaben (Comic, Prospekte,
Werbung...)oder auch mit Seitenblicken zur Bildenden Kunst. Diese
zunehmend
kritische Distanz zur eigenen bildnerischen Produktion wie zu allen
optisch-haptischen Phänomenen führt zu einer
zunehmenden
Aufmerksamkeit für
ästhetische Objekte und einer stärkeren Bezugnahme
auf
Informationen über
bildnerische Ordnungen. Für den Inhalt
des Kunstunterrichts hat das zur Folge, daß bildnerische
Problemlösungsprozesse mit der Analyse und Beschreibung
verbunden
werden
müssen. Der Schüler soll zunehmend lernen,
Flächen,
Körper und Raum zu
strukturieren und zugleich über Sachstrukturen, Entstehung,
Bedeutung und
Funktion bildnerischer Prozesse informiert werden.
Die heutige Jugend interessiere sich für
die
Prinzipien der modernen Kunst Material, Experiment und Montage. Die
natürliche
Bereitschaft zur aktiven Auseinandersetzung muß durch die
stimulierende Kraft
des Materials und Werkzeugs unterstützt werden. Alle modernen
Mittel des Malers
heute, Kreiden, Stifte jeder Art, Leim-Lack-Wasserfarben, Spachteln,
Hölzer,
Pinsel, Sand, Schleifpapier, Fotos und Gegenstandsreste für
Collagen etc.
sollen im Kunstunterricht bildnerische Prozesse anregen. Experiment und
Naivität lassen sich nicht über die Kindheit hinaus
erhalten.
Der Jugendliche
sucht nach Raffinement und Machbarkeit im Umgang mit
künstlerischen Mitteln. Die
Aufgaben sollen die Aufmerksamkeit auf bildnerische Probleme lenken.
Wie das
konkret aussehen kann, zeigt er an drei verscheidenen Themen. In einer
Klasse 8
geht es um “experimentellen Umgang mit Farbe”. Die
Schüler sollen
verschiedene
Auftragsmöglichkeiten der Farbe, verscheidene Werkzeuge und
Mischwerte
erproben. Im Gespräch untereinander soll nicht die Frage
“was soll
das sein”, sondern
“wie ist das gemacht” Vorrang haben und gemeinsam
Kriterien der
Bewertung
(Ausgewogenheit, Spannungsreichtum etc.) gefunden werden.
Ähnliches gilt für
einen Flachdruck in der Klasse 7 und experimentelles Zeichnen in der
Klasse 10.
Bei all diesen Themen sollen inhaltliche Aufträge nicht das
experimentelle
Handeln der Schüler behindern. Die Qualität der
Schülerarbeiten wachse um so
mehr, je weniger die Zeichungen der Individualform verfallen. Weiter
zeigt er
eine Entwicklung von Räumlichkeit in der Fläche
(Klasse 9)
durch eine
dreiteilige Reihe von Experimenten mit unterschiedlichen Teilungen
einer Fläche
(Zeichenfeder, Tusche). Die so vermittelten Erkenntnisse zur Entstehung
räumlicher Wirkung durch bildnerische Strukturen werden durch
Analyse zweier Bilder
von Vermeer und F. Winter reflektiert. Darüberhinaus
vermittelt der Kunstunterricht kultur- kunstgeschichtliche
und sozialgeschichtliche Kenntnisse und fundiert durch die
Kommunikation mit ästhetischen
Objekten die Beziehung des Menschen zur Kunst. Von der Gegenwart
ausgehend soll
der Kunstunterricht Relationen zu historischen Formen der Kunst
anbieten. Die
Schule muß an dieser Stelle führen, indem sie die
Jugendlichen öffnet. Sie muß
“in die Kultur hinein verführen”, wie Otto
es ausdrückt.
Weltanschauliche
Probleme, Mode, Ausstellungen und der weite Bereich der gestalteten
Umwelt als
Unterrichtsgegenstände sind laut Otto
“Chancen”, die die
Gesellschaft wahrnimmt
oder verspielt. Otto vergleicht sein
Konzept mit der Didaktik R. Pfennigs (1969). Er
referiert dessen Analyse der Gegenwartskunst, die 6
Gestaltungsprinzipien der
modernen Kunst nennt. Für Pfennig macht das Kind
zunächst
mehr von sich selbst
sichtbar als von den dargestellten Dingen. Am Ende der spontanen
kindlichen
Gestaltung beginnt es immer stärker zu vergleichen. In der
Reifezeit
schließlich gelten die Maßstäbe der
umgebenden
Bildwelt. Es ist Aufgabe des
Kunsterziehers, dafür zu sorgen, daß diese Bildwelt
die
Bildende Kunst und deren
6 Prinzipien sind. Die Kunst begreife der Jugendliche durch Teilnahme.
Der
Kunstunterricht stellt ihm Aufgaben, denen als Motiv ein bildnerisches
Problem
zu Grunde liegen. Für Otto müsse der Kunstunterricht
mehr
anstreben als die
Kunst. Der vorhandene Katalog ästhetischer Objekte
müsse
dauernd mit den
Veränderungen in der Gesellschaft revidiert werden. Pfennigs
Analyse richtet
sich zu einseitig auf Kunst als Struktur und zu wenig auf Kunst als
sozialen
Prozeß. Pfennig übersehe völlig den
sozialen und
genetischen Aspekt der Kunst. Er
frage nicht vom Kind/Jugendlichen her auf die Bildende Kunst zu,
sondern von
der zeitgenössischen Kunst aus zum Kind/Jugendlichen hin. Nachdem im Vorfeld
die anthropologischen, sozio-kulturellen und fachlichen
Bedingungen des Unterrichts geklärt wurden, widmet sich Otto
nun
der Frage nach
didaktischen Entscheidungen, die sich daraus ergeben. Er bezeiht sich
dabei auf
Heimanns lerndidaktisches Model: die Intention, die Inhalte, die
Methoden und
die Medien des Unterrichts. Bevor Unterricht
erteilt wird, aber auch, wenn Ergebnisse von Unterricht
bewertet werden sollen, muß sich der Lehrer über
seine
Intention im Klaren
sein. Heimann nennt drei Generalintentionen von Unterricht.
Daseins-Erhellung
im kognitiven Bereich, Daseins-Erfüllung im emotionalen
Bereich
und Einfluß auf
die Willensdimension im pragmatischen Bereich. Der Fachdidaktiker fragt
zusätzlich nach fachspezifischen Zielsetzungen, er will
prüfbare Ergebnisse
ableiten. Was sollen Schüler am Ende des Unterrichts
können,
was sind die
“Lernziele”? Otto
formuliert es so:
“Kunstunterricht soll bildnerisch strukturieren lehren und im
ästhetischen
Bereich kommunizieren lehren”. Daraus ergibt sich ein
Unterricht, der
weder
bloß auf der rationalen, noch bloß auf der
emotionalen
Ebene angesiedelt werden
darf. Vielmehr seien Handlung und Analyse gleichberechtigt. Otto
gesteht dem
Unterrichtenden zu, daß sich konkrete Lernziele nicht immer
formuliern lassen. Ein
“programmierter” Unterricht entspreche nicht immer
den Gesetzen des
Fachs
Kunst. Dennoch soll der Lehrer so weit dies möglich ist
festlegen,
was er von
seinen Schülern erwartet. Aus den zuvor
formulierten Intentionen des Kunstunterrichts ergeben sich
zwei Inhalte des Unterrichts: Strukturieren in bildnerischen Prozessen
und Kommunizieren
mit ästhetischen Objekten. Für die bildnerische
Praxis
bedeute dies, daß die
weitverbreitete Suche nach geeigneten Motiven (”Modethemen)
nicht
ausreiche. Zum
Motiv müsse sich ein bildnerisches Problem gesellen. Kriterium
für das Motiv
(Otto vermeidet das Wort Thema um eine Überschneidung mit der
Terminologie der
Allgemeindidaktik zu vermeiden) sei das Maß, in dem es ein
bildnerisches
Problem zwingend werden lasse. Dies gelte besonders im Schulkindalter.
Um der
Durchdringung und Erweiterung der Wirklichkeit willen müssen
im
Schulkindalter
bildnerische Probleme intendiert werden. Zur Konstruktion einer Aufgabe
gehöre
die Zuordnung von Motiv und bildnerischem Problem. Ein Motiv werde erst
unter
dem Gesichtspunkt der Anerkennung seines immanenten bildnerischen
Gehalts zum
Unterrichtsgegenstand. Im Folgenden konkretisiert Otto dies an
Beispielen:
”Kohlenplatz” (Schwarzgehalt jeder Farbe,
Trübung),”Segelboote”
(Farbkontraste,
Hell-Dunkelkontraste, Formwiederholung, Überdeckung,
Verknüpfung Bildende Kunst
- Feininger!). Am Beispiel einer Aufgabe für eine 10. Klasse
zeigt
Otto, das
seine inhaltlichen Forderungen auch für Aufgaben ohne
gegenständlichen Bezug
gültig seien. Aus farbigen Flächen sollen die
Schüler
ein Bild bauen. Das Thema
“Mit Farben Bauen” geht von Anregungen der
gegebenen Materialien, von
deren
Reizen, Wirkungen aus. Derartige Themen als Unterrichtsinhalt seien
weitgehend
alterstufenunabhängig. Was in der 4. Klasse “wir
bauen eine Stadt”
heißt
(Differenzierung formähnlicher Gegenstände,
Gruppierung,
Zuordnung), heißt in
der Klasse 8 “wir planen eine Stadt” (Stadtplan,
Positiv-Negativflächen,
Klebearbeit) und in der Jahrgangsstufe 10 “Wir betrachten
eine Stadt”
(aleatorische Experimente, Maueroberflächen, Photographien von
Hauswänden,
Reflexion vor Ort, zu Feininger usw.) Die dritte
didaktische Entscheidung gilt der Wahl der Methode. Legte die
fachdidaktische Diskussion um 1900 größeren Wert auf
methodische
Entscheidungen, so rückten laut Otto in den 50er Jahren eher
inhaltliche Fragen
des Kunstunterrichts in den Vordergrund). Die Lerndidaktik geht von
einer
lehrgangsmäßigen Artikulation des Unterrichts aus.
Produktion und Reflexion
bilden die methodische Grundfigur des Kunstunterrichts. An einer
Unterrichtseinheit zu Cèzanne in einer 9. Klasse zeigt Otto,
wie
ein auf
mehrere Stunden aufgeteiltes Modell des Kunstunterrichts, der Reflexion
und
Produktion gleichwertig behandelt, aussehen könnte. In den
Lernzielen zeigt
sich, daß die Schüler nicht nur im Herstellen von
Gebilden,
selbst strukturieren
sollen. Die bildnerisch-praktischen Phasen des Unterrichts dienen in
diesem
Modell gleichzeitig dem Verstehen und dem anschließenden
Kommunizieren mit den
Strukturen, die Cèzanne den Schülern anbietet. Nach dieser sehr
ausführlichen Beschreibung konkreten Unterrichts stellt
Otto ein Phasenmodell des bildnerischen Prozesses vor. Die erste
Initiationsphase soll neugierig machen, die Aufmerksamkeit der
Schüler wecken. Die
anschließende Explorationsphase soll ein
Problembewußtsein
erzeugen. Typisch
für diese Phase ist die Schülerfrage: “und
was sollen wir
jetzt machen?” In der
Objektivierungsphase werden die aufgeworfenen bildnerischen Probleme
gelöst.
Trotz objektiver Strukturen, Medien und Methoden solle jeder
Schüler eine je
eigene Lösung suchen. Otto nennt das die Forderung nach
“Divergenz”. In der
letzten, der Integrationsphase werden die Ergebnisse geordnet und die
Erfahrungen gesichert. Musische Konzepte betonen zu stark die erste
Phase der
Initiation, des Erlebnisses und vernachlässigen die Phase der
Exploration. Gestaltungslehren
verstehen unter der Objektivierungsphase die Vermittlung objektiver
Daten
innerhalb eines geschlossenen Systems. Die Integration werde vom Lehrer
vorweggenommen. Das Phasenmodell dürfe demnach nicht streng
linear
gesehen werden. Motivation
------------------------------Initiation---------------------------------Präsentation
Realisation-------------------Exploration
Objektivierung-----------------Diskussion
Reflexion--------------------------------Integration--------------------------------Realisation Methodische
Entscheidungen sollen sich laut Otto an dem Phasenmodell
orientieren. Im Folgenden verweist Otto auf die Verbindung des
Phasenmodells
zur Kreativitätstheorie (Lowenfeld,1960). Die
Kreativitätsforschung sucht nach
meßbaren Eigenschaften, die den schöpferischen vom
weniger
schöpferischen
Menschen unterscheiden. Man hat sich auf Sensivität,
Aufnahmebereitschaft,
Beweglichkeit, Originalität, Umgestaltungsfähigkeit,
Analyse
und Abstraktion,
Synthese und ästhetische Organisation geeinigt. Otto stellt
die
Frage, wie sich
diese Faktoren der Kreativität im Unterricht durch
Lernprozesse
optimieren
lassen. Er sieht vor allem das Problem, daß alle Faktoren
ineinander verwoben
sind. Am ehesten könne man im Kunstunterricht den
Umgestaltungsfaktor gezielt
herausfordern. Am Beispiel einer Unterrichtsplanung konkretisiert er
diese
Möglichkeit Eine
8. Klasse soll den
Schnitt durch einen Kohlkopf mit Tusche zeichnen. In einer zweiten
Phase soll
ein Labyrinth farbig aus den Strukturen herausisoliert werden.
Schließlich
heißt die Aufgabe “Labyrinthische Ordnung im Rahmen
einer
Grauskala”. Eine
zweite vergleichbare Schülergruppe erhält unmittelbar
den
letzten
Arbeitsauftrag. Der Vergleich der Ergebnisse zeigt ein deutlich
monotoneres
Zeichenrepertoire, und wesentlich beziehungslosere, heterogenere
Strukturen in
den Arbeiten der zweiten Gruppe. Otto folgert methodisch daraus:
Sensibilität
sei lehrbar. Umgestaltung sei ein geeignetes Medium, um
Sensibilität zu
provozieren. Aufgabenstellungen in stufenweiser Version
fördern
Sensibilisitätsleistungen im ästhetischen Bereich.
Forderungen der sukzessiven
Umgestaltung geben Hinweise für eine bestimmte Methodik des
Kunstunterrichts,
hinsichtlich der Initiations- oder Eröffnungsphase einer
Stunde
und der
Binnenstruktur von Unterrichtseinheiten. Zuletzt fragt Otto
nach der Strukturierung des Kunstunterrichts durch die
Wahl der Medien. Da Kunstunterricht das Strukturieren im Rahmen
bildnerischer
Prozesse lehre, bedürfe der Unterricht der Produktion der
Schüler, die auf
Realisationsmedien (Materialien, bildnerische Verfahren...) angewiesen
sind. Da
Kunstunterricht das Kommunizieren mit ästhetischen Objekten
lehre,
bedürfe der
Unterricht der Reflexion der Schüler, die auf
Präsentationsmedien (ästhetische
Objekte, meist Stellvertreter, wie Dias, Reproduktionen etc.)
angewiesen sind. Aus
der Zusammenfassung der 4 didaktischen Entscheidungen folgert Otto eine
graphische Darstellung: Kunstunterricht
Intention
Inhalt
Methode
Medium
Strukturieren
Bildnerische
Produktion und
Realisation
und
Prozesse und Reflexion
und
Kommunizieren
ästhetische
Präsentation
Objekte
Lehrabsicht
Lehrinhalt
Lehrweg
Lehrmittel Im letzten Kapitel
geht Otto der Frage nach der Zensur im Kunstunterricht
nach. Zunächst einmal rechtfertigt er die Zensur auch im
Kunstunterricht.
Leistungsmessung sei die Konsequenz aus der Leistungsforderung des
Lehrers und
den Erwartungen des Schülers. Alle Lehrer zensieren in allen
Fächern. Zensur
sei ein Kennzeichen der Schule. Auch der Kunstunterricht habe sich an
den
Geplogenheiten der Schule zu orientieren. Otto spricht sich somit
eindeutig
gegen eine “Mittelzensur” aus, die
Rücksicht auf geringere
Begabung nehme, Mut
machen wolle, weil “sonst gar nichts mehr getan”
werde. Einer
derartigen Form
der Zensur fehle die erzieherische Wirkung. Leistungsmessung
soll immer sachbezogen sein. Zensur entstehe nicht erst am
Ende, sondern ist vom Anfang einer Aufgabenstellung her zu begreifen.
Zensuren
sollen immer im Zusammenhang mit dem Unterricht sein, innerhalb dessen
meßbare
Leistungen möglich sein sollen. Freilich gesteht auch Gunter
Otto
ein, daß
Zensuren im Fach Kunst nicht immer sinnvoll und nötig seien.
Otto
verwahrt sich
gegen die Behauptung, daß
Wissenschaftlichkeit im Kunstunterricht für
Zensuren
ausschlaggebend
sei. Vielmehr sei die rationale Begründbarkeit
unterrichtlichen
Handelns auch
im Fach Kunsterziehung Grundlage sinnvoller Notengebung. Otto zitiert
H.J.Hoffmann, der vier Unterrichtsverhalten nennt, für die es
in
der Schule
Zensuren gibt. In Fächern wie Musik und Sport ist es das
spielerisch-entlastende
Verhalten des Schülers. In Biologie, Erdkunde und Geschichte
vor
allem das
explorativ- entfaltungsbetonte Verhalten. In Kunst und Mathematik
(n.b.die
Kombination!) ist es die manipulatorisch-konstruktive Mitarbeit und in
Fächern
wie Deutsch und Fremdsprachen seien es besonders die sprachgebundenen
Leistungen. Otto sieht darin einen Hinweis für den
Fachdidaktiker,
wann im
jeweiligen Fach zensiert werden sollte: für Kunsterziehung bei
Aufgaben, die
die manipulatorisch-konstruktive Mitarbeit der Schüler
herausfordern (auf eine
Zensur mündlicher oder schriftlicher Beiträge im
Rahmen der
zuvor geforderten
Reflexion geht er nicht ein!). Otto warnt vor subjektiven Faktoren der
Notengebung. Er räumt ein, daß im Schulkindalter
außerkünstlerische Faktoren
eine gewisse Rolle spielen müssen. Von der
Vorpubertät an
fordert Otto
deutlicher Maßstäbe im Bildnerischen anzusetzen und
die
Schüler die “Härte”
sachlogischer Kriterien spüren zu lassen. Er betont dabei noch
einmal, daß
Schülerarbeiten nicht Kunst seien, sondern das Ergebnis von
Unterricht. Zensiert
würden Arbeitserfolge und Lernleistungen, die durch
unterrichtliche Maßnahmen
veranlaßt sind. Grundlage einer gerechten Zensur
müssen
gemeinsame Aufgaben und
ein gemeinsamer Arbeitsprozeß sein (ein Gedanke, der die
verbreitete Praxis des
zu Hause fertigmachen in Mißkredit bringt!). Die geforderten
Strukturelemente
des bildnerischen Prozesses sollten in Form der Zensur so
präzis
und spürbar
wie möglich objektiviert werden. Nach diesen
Feststellungen untersucht Otto die fachdidaktische Diskussion
zum Thema Zensuren. Für ihn steht
fest: “Zensuren sind im Kunstunterricht möglich,
sinnvoll und
hilfreich. Er bemerkt jedoch
eine allgemeine Tendenz der Kunsterzieher Zensuren zu
verharmlosen. Er zitiert Aussagen, die Zensuren als
“Profanierung” des
Fachs
bezeichnen (Dettmar), die von “Absurdem” reden
(Meyers) und als
Kriterien “die
Liebe zur Sache” oder die
“Fülle” empfehlen. Mit Recht fragt Otto
nach der
Meßbarkeit derartiger Elemente. An anderer Stelle wird eine
“wohlwollende”
Zensur empfohlen (Pierzl/Strassner) und strenge Anforderungen nur in
wissenschaftlichen Fächern gewünscht. Vielfach finden
sich
unrealistische,
undefinierbare Kriterien der Zensur, wie “mit ganzer
Liebe”, ohne
“Fremdeinflüsse und nichtssagenden Linien”
(Betzler). Bei
Schwedtfeger findet
Otto den Versuch, den er als “interessant” wertet,
den Charakter des
Schülers
in die Zensur miteinzubeziehen. Er versucht sich dabei graphologische
Erkenntisse zu Nutze zu machen. Zugleich weist Otto jedoch darauf hin,
wie
problematisch dieser Ansatz ist. H.Read versucht die Zensur nach dem
Grad der
“Übereinstimmung von Gemütslage und
Ausdrucksweise” zu
bestimmen. Pädagogisch
scheint dies für Otto nur begrenzt ergiebig. Der Lehrer ist
kein
im Sinne des Psychologen
Read zuständiger Beobachter. Leistungsurteile hätten
nichts
mit einer
derartigen Diagnose der Schülerarbeit zu tun.
Vielversprechender
ist für Otto
der Vorschlag R.Pfennigs, der die Frage stellt, ob das Motiv
realisierbar war,
ob es dem Lehrer gelungen sei, verschiedenartige Ergebnisse
auszulösen und den
Weg zum Ziel klar zu beschreiben. Er begrüßt,
daß in
dieser Fragestellung das
pädagogische Handeln des Lehrers mit berücksichtigt
werde, da
es die
Voraussetzung zur Beurteilung des Schülers sei.
Problematischer
sieht er bei
Pfennig jedoch die weiteren Fragestellungen, in welchem Maß
das
Material zur
Erscheinung transzendiert (das Motiv realisiert) sei und die
für
Otto zu
allgemeine Frage nach dem Grad der Selbstständigkeit der
Auseinandersetzung. Allgemein
beobachtet Otto auch in der Frage der Zensur im Kunstunterricht eine
lebendigere Diskussion, da der Unterricht zunehmend strenger didaktisch
strukturiert werde und von anderen Didaktikern die nicht haltbare
Praxis der
Zensur vieler Kunstpädagogen durchschaut worden sei. Von den beiden zuvor
beschriebenen Unterrichtsphasen, der experimentellen
und der Phase, die dem gezielten Erwerb von Fertigkeiten und
Informationen
dient, eigen sich nur die zweite für eine Zensur. Die
Zensurmöglichkeit hängt von
der Intention des Lehrers ab. Otto erinnert noch einmal an die drei
Generalintentionen des Unterrichts mit folgendem Modell:
Überzeugung
Gewohnheit
Gesinnung
Erkenntnisse
Fertigkeiten
Erlebnis
Kenntisse
Fähigkeiten
Anmutung
kognitive
Intention
pragmatische
Intention
emotionale
Intention Nicht in allen
Bereichen ist Zensur möglich. Umgekehrt können
zensierbare
Felder dieses Schemas durchaus Voraussetzungen für nicht
zensierbare Felder
schaffen. Otto versucht
Beispiele zu zeigen, welche Möglichkeiten der Leitungsmessung
es im Kunstunterricht gibt. Er verdeutlicht das an der Aufgabenstellung
“Netzhaftes
auf Grund” in einer 9. Klasse. Mittels Frottage und
überarbeitender
Tuschezeichnung sollten die Schüler gegenständlich
das Motiv
Netz/Grund und
technisch die zeichnerische Überarbeitung einer Frottage
bearbeiten. Als
Kriterien der Bewertung nennt Otto Die Grauwertskala, die Verwendung
der
Frottagetechnik, die graphische Erfindung zum Thema Netz, das
bildnerische
Arrangement des Themas Netz, die Kontrastierung von Netz und Grund,
sowie die
Rhythmisierung des Themas Netz im Bildzusammenhang. An der Auswertung
der
Arbeiten, bei der zu jedem Kriterium Punkte vergeben wurden,
verdeutlicht Otto,
daß beispielsweise die unterrichtliche Forderung nach der
Technik
der Frottage
spürbare Konsequenzen für die Bewertung der Arbeiten
hat.
Frühere
Gesichtspunkte, wie Ergriffenheit, Erlebnis, oder auch Betragen des
Schülers
hätten in der Zensur nichts verloren. Rationaler Untericht im
Sinne Ottos lehre
Kunst so, daß zensiert werden könne, wie das
Beispiel
beweise. Nachweisbare
Probleme müßten vom Lehrer exponiert werden,
realisierbare
Motive angeboten
werden. Probleme gäbe es im Schulkindalter. Je
stärker die
Intention des
Unterrichts hier im affektiven Bereich lägen, desto weniger
vergleichbar seien
die Ergebnisse. Der Lehrer solle im Grundschulbereich seine
Urteilsfindung auf
Aufgabenstellungen beschränken, die den Schülern ausreichend Motivation
böten, bildnerische
Verfahren im Umgang mit den Gegenständen und Problemen
kontrolliert
einzusetzen. Die zu bewertende Leistung des Schülers sei dann
der
Grad der
gegenständlichen Realisierung und der Gebrauch der
bildnerischen
Mittel. Die
Beurteilung fragt somit im Schulkindalter mit nach dem Gegenstand und
meint
zugleich seine Formung, seine Farbigkeit, die graphische Ausdeutung
usw.. Drei Praktiken seien
bei der Urteilsfindung üblich. Das Evidenzurteil, das
Otto als problematisch bezeichnet. Er meint auch Schlager seien
evident, jedoch
ohne Qualität. Das Verfahren der groben
Qualitätsunterscheidung, bei dem der
Lehrer zunächst drei Gruppen (gut, mittel, schlecht) bilde,
gehe
zwar zunächst
vom Evidenzurteil aus, ermögliche jedoch immer feinere
Differenzierung und sei
nicht zuletzt, wei es rasches Arbeiten ermögliche, das
verbreiteste. Otto
empfiehlt zumindest zeitweilig das Verfahren, bei dem Kriterien aus dem
Material heraus entwickelt werden und die Schülerleistung in
Teilleistungen
zerlegt werden. Er konkretisiert dieses Verfahren an einem Beispiel,
das er mit
einer Arbeitgruppe von Studenten zu einer Malaufgabe einer 6. Klasse
(sonntägliche Invasion von Spaziergängern”)
durchgeführt
hat. Dabei zeigt er
auf, daß Kriterien sich nicht vom Stundenentwurf des Lehrers,
sondern vom
Material her entwickeln lassen. Der Unterricht sei ein gemeinsames
Handeln, ein
gemeinsamer Prozess, was sich letztlich auch in der Zensur
ausdrücken müsse. Wird
aber die rechnerische Summierung solcher Teilleistungen der Summe einer
Schülerarbeit wirklich gerecht? Wird nicht auch hier ein
gewisser
Mittelwert
begünstigt? An einem zweiten Beispiel
(“Wasserpflanzen auf
Meeresgrund”, Klasse
7) zeigt Otto wie sich Kriterien erst in einer Zwischenbesprechung und
unter
Beteiligung der Schüler
(”Sekundärintentionen”) entwickelt
haben und wie
“Sonderschwierigkeiten”der Schüler und
“Primärintentionen”
des Lehrers druch
unterschiedliche Gewichtung der Teilergebnisse ausgeglichen werden.
Natürlich
muß er zugestehen, daß diese gründliche
Auswertung,
die mit einer Gruppe von
Studenten möglich ist, in der Praxis kaum anwendbar sein wird.
Er
rät dem
Pädagogen jedoch vereinzelt zu derartigen Formen einer
möglichst “objektiven”
Zensur, da mehr als eine subjektive Meinung oder nur eine typologische
Differenzierung des Materials gefordert sei. Im Anhang finden
sich noch Unterrichtsplanungen zum Thema Komposition in
einer 10. Klasse. Die Fachdidaktik Ottos stellt somit eine umfassende
Darstellung der Grundlagen und der fachdidaktischen Probleme des
Kunstunterrichts dar. Die Beispiele, die Otto zeigt sollen nicht als
Musterlösungen oder Rezepte verstanden werden. Vielmehr zeigen
sie
den Weg auf
und verdeutlichen den empirischen Charakter der eigenen Vorgehensweise.
Das
Buch “Kunst als Prozeß im Unterricht” war
überaus
erfolgreich und prägt bis
heute dir Didaktik des Faches Kunst, da zum ersten Mal dem
Pädagogen konkrete,
meßbare Vorgaben für sein unterrichtliches Handeln
gegeben
werden. |
Zusammenfassung und
Kritik H.G. Richters an Gunter
Otto aus: Geschichte der Kunstdidaktik, Düsseldorf, 1981.
H.G. Richter spricht
vom “Zeitalter des Wissenschaftlichen
Kunstunterrichts”, das mit den Veröffentlichungen
von R.Pfennig
und G. Otto auf
dem Papier etwa von 1959 bis 1969 dauerte, in der Praxis jedoch bis
heute
(1981) andauert. Kunstunterricht nach diesen Konzepten greift die
Gestaltungsprobleme Bildender Kunst, speziell der Gegenwartskunst auf
und lehrt
“wie Künstler” in “Bildnerischen
Problemen” zu denken. Pfennig und
Otto
versuchen einen Katalog von grundsätzlichen
Gestaltungsproblemen
aus der
modernen Kunst als Unterrichtsinhalte abzuleiten. Bei Pfennig haben die
“Urformen” der Kinderzeichnung Entsprechungen in
den Strukturelementen
der
ungegenständlichen Kunst. Der Lernenden könne somit
in sich
selbst den Stoff
aus dem diese Kunstwerke sind entdecken. Richter bezweifelt die
Übertragbarkeit
der kindlichen Bildproduktion auf eine bestimmte Richtung der Modernen
Kunst. Der
Modernismus der Unterrichtsergebnisse liege seiner Meinung nach
vielmehr an der
Aufgabenstellung und den Materialvorgaben des Lehrers. G. Otto
unterscheide
sich in seiner Auffassung besonders in diesem Punkt sehr deutlich von
Pfennig. Seine
Theorie der Kunsterziehung sei wesentlich stärker der Didaktik
verpflichtet. Für
ihn ist Kinderzeichnung nicht Kunst, oder kunstähnlich,
sondern
“Ergebnisse von
Unterricht”. Die Korrespondenzen von Kind und Kunst werden
anders
aufgefaßt. Richter geht in
seiner Analyse der Schriften Ottos chronologisch vor. Zunächst
befaßt er sich mit der Erstausgabe des Jahres 1964. Otto fragt in dieser
Fachdiaktik nach der
Funktion der Bildenden Kunst im Leben des Menschen. In seiner
Darstellung
beschreibt er besonders den Weg zur modernen Malerei, bei der der
Gegenstand
allenfalls Teil einer autonomen Bildstruktur ist. Moderne Kunst ist
nach Ottos
Darstellung “aus Subjektivität erwachsen”,
“eigengesetzlich”,
“theoriebezogen”
und “abstrakt”. Dies habe Folgen für den,
der sie lehrt. Die
Theoriebezogenheit
des Gegenstandes, den Kunstunterricht lehrt bedinge seine rationale
Aufbereitung im Kunstunterricht (Rationaler Inhalt / Rationale
Methode). Otto
formuliert als Verständnishilfe bei der Analyse Moderner
Kunstwerke drei
Schlüsselbegriffe: “Material”,
“Experiment” und “Montage”. Mit
diesen drei
Begriffen lassen
sich die Merkmale
moderner Kunst nach seiner Auffassung am besten beschreiben. Worin, so
fragt
Otto weiter, liegt die Erziehungsfunktion der Modernen Kunst?
Zunächst lehre
sie laut Otto einen Sachverstand, der sie dem, der sich mit ihr
beschäftigt
zugänglich und machbar macht. Da ihre Wurzeln in der
Subjektivität liegen,
lehre sie ferner Freiheit. Der Umgang mit ihr befreie von
Vorfestlegungen und
Fixierungen. Sie besitze demgemäß eine
Entlastungsfunktion.
Da in den
Bildnerischen Strukturen ein Sonderfall allgemein gültiger
Ordnungen vorliege,
könne am Kunstwerk exemplarisch das Strukturelle hinter den
sichtbaren Formen
entdeckt werden. Richter vermißt in diesen Zielen
erziehungswissenschaftlich
begründete Ziele wie “Mündigkeit”
und Prozeßziele wie
“Ausdruck” oder
“Kreativität”, die Otto wohl aus Ablehnung
des irrational
Musischen heraus
übersieht. Ottos Theorie fördere somit einseitig den
sachlogischen Umgang mit
moderner Kunst. Interessant scheint
für Richter ein Blick auf Ottos Mikrostruktur, die er
in der genauen Beschreibung des Bezugs zwischen einem
“thema” und einem
“Bildnerischen Problem” herausarbeitet. Die
Organisationsform, die Otto
hier
vorschlage, habe bis heute im Unterricht seine Gültigkeit
behalten. Jedem Thema
müsse laut Otto ein bildnerisches Problem zugeordnet werden.
Ziel
eines Themas
sei die rationale und pragmatische Bewältigung vom Lehrer
vorgegebener formaler
bildnerischer Zusammenhänge. Richter vermißt in
dieser
Auffassung die Möglichkeit
zur inhaltlichen, ausdruckshaft-individualistischen Auseinandersetzung.
Sehr
ausführlich stellt er an Ottos Beispiel des Themas
Wasserpflanzen
auf
Meeresgrund dar, wie zweitrangig in diesem Fall die Methodik ist.
Anders als
bei Pfennig zeige sich an dem gewählten Beispiel deutlich,
daß Otto jedes
bildnerische Problem gegenständlich einkleiden kann. Sein
Unterricht sei nicht
ausschließlich eine Hinführung zu einem abstrakten
formalen
bildnerischen
Bestand. Das Motiv könne durchaus erhalten bleiben und durch
spezifische
Auswahl künstlerischer Mittel realisiert werden. Fragen der Methodik
habe Otto in seiner Didaktik
“stiefmütterlich”
behandelt. Nicht die Methoden, sondern die Gegenstände seien
in
der Schule
primär. Richter bezeichnet Ottos Unterricht demnach als
“sachorientiert”. Auch
die psychologisch-anthropologische Betrachtung der Bedingungen des
Kunstunterrichts geschehe durch Otto eher
“blaß” und
“allgemein”.
Das läge wohl
nicht zuletzt an Ottos Versuch über die Entfaltung des
bildnerischen Verhaltens
hinaus die gesamte Persönlichkeitsentwicklung des Menschen im
Spannungsfeld von
Anlagen und Umwelt darzustellen. Aus einzelnen Auffassungen der
Literatur setze
Otto eine Gesamtansicht zusammen, wobei er zwischen Schulkind und
Jugendalter
unterscheidet. Bezugnehmend auf Langeveld weise Ottos Darstellung auf
ein
Generalthema hin, die “Intellektualisierung” als
Gesamtaufgabe der
Schule. Im Folgenden
untersucht Richter die Veränderung der Fachdidaktik in dessen
zweiter Auflage des Jahres 1969. Bereits in der ersten Ausgabe seine
Elemente
der Wissenschaftlichkeit dieser Didaktik deutlich geworden. Richter
nennt es
“Formaler Unterricht”. In der zweiten Ausgabe komme
das “kühle
Pathos der
Rationalität” (Blankertz) völlig zum
Durchbruch. Richter
begründet dies u.a.
damit, daß die überarbeitete Fachdidaktik im Rahmen
eines
“Didaktikums”
gemeinsam mit Heimann und Schulz an der PH Berlin zur Lehrerbildung
formuliert
wurde. Otto nimmt dieses allgemein didaktische Modell, das 1976 unter
dem Namen
“Berliner Schule/Modell” bekannt geworden ist als
Basis auch für
seine
wissenschaftsorientierte Kunstdidaktik. Richter sieht in diesem
grundlegenden
Modell einerseits eine starke Abgrenzung gegen die inhaltlich-normativ
argumentierednen Bildungsdidaktiker dieser Jahre. Seiner Meinung nach
böte es
aber, da es in der ersten, allgemeinen Ebene sehr formal strukturiert
sei
eigentlich mehr Möglichkeiten für einen
schülerzentrierteren und
situationsgerechteren Unterricht, in dem auch der semantische und
historische
Aspekt der Bildenden Kunst zum Tragen kommen könnten. Otto versucht
die Aktionsfelder
(Entscheidungsfelder) und die Sachfelder (Bedingungsfelder) des
allgemeindidaktischen Modells mit den speziellen Gegenständen
und
Absichten von
Kunstunterricht in Einklang zu bringen. Nach Klärung der
Sachfelder stellt er 4
didaktische Entscheidungsfelder vor. Die Intentionen des
Kunstunterrichts, die
für ihn das Lehren von Strukturieren und Kommunizieren
bedeuten.
Selbsttätige
Arbeit der Schüler diene in Ottos Modell vor allem dem
Verständis des
Kunstwerks, nicht dem eigenen Ausdruck. Von den drei Ebenen der
Intentionen des
Unterrichtens, die Otto darstelle, der kognitiven, pragmatischen und
emotionalen, werde in dieser Darstellung nach Richter die kognitive
Ebene der
Rationalität zu Lasten der Emotion und des pragmatischen
Umgangs
mit dem
Material zu einseitig belastet. Als fachspezifische Inhalte nennt Otto
Bildnerische Prozesse und ästhetische Objekte. Richter sieht
in
Ottos Modell
eine zu einseitige Bevorzugung der Gegenwartskunst, vor allem der
Abstraktion. Die
Methoden, die Otto
nenne, Produktion und Reflexion gebe es schon immer in der
Fachdidaktik. Problematisch
sieht Richter, daß die Produktion dem Verständnis
der Kunst
diene und ihren
eigenen Ausdruckscharakter verliere. Ottos Unterscheidung der Medien in
Realisations- und Präsentationsmedien sei nicht
fachspezifisch.
Gerade
Präsentationsmedien gebe es in allen Fächern. Richters Kritik
setzt zunächst einmal bei Ottos Darstellung des
bildnerischen Verhaltens von Kindern und Jugendlichen an. Er gebe dem
Lehrer
kaum Anhaltspunkte über den atlersgemäßen
Aufbau von
Lerh- und Lernprozessen. Ottos
Fragestellungen kreisen eher um inhaltliche Probleme.
Anthropologisch-psychologische, soziokulturelle und situative
Bedingungen des
Kunstunterrichts würden aus seinm Blick geraten. Gerade die
situativen
Bedingungen, d.h. der Wechsel der Jahreszeiten, Feste, Freude und
Trauer etc.
wären für Otto mit dem
“Bannfluch” des Musischen belegt und
hätten in seinem
sachlogischen Konzept keinen Platz. Mit der
Überarbeitung seiner Didaktik im Jahre 1969 füge er
sie in
einen
“hoch-artifiziellen” Rahmen ein. Ottos
Begrifflichkeit sei so
künstlich, daß
man sie jeder neuen Studentengeneration neu erklären
müsse. Der Erfolg dieser
Fachdidaktik gründe sich vor allem in seiner
“Künstlichkeit”, seinem formalen
Charakter, der dennoch
Möglichkeiten zu einer
individuelle Ausdeutung offen lasse. Der
“Curriculum-Konstrukteur” und
der
planende Lehrer könnten sich dank Otto auf ein System
fachdidaktischer
Positionen berufen, das so wenig wie möglich dem Belieben
überläßt, stringent
aufgebaut ist und dennoch gewisse Änderungen
zuläßt.
Zahlreiche veröffentlichte
Stundenentwürfe, Unterrichtsreihen und Unterrichtsprotokolle
nach
diesem
Konzept der Verschränkung von Produktion und Reflexion im
Kunstunterricht
beweisen dies bis heute. Besonders in der zweiten Ausbildungsphase der
Lerherbildung, der Referendarzeit haben sich Ottos Vorschläge
breit gemacht. Zum ersten Mal seit
ersten Ansätzen in den 20er-Jahren scheint es mit Ottos
Veröffentlichung der Kunstdidaktik im Jahre 1969 gelungen zu
sein,
die Planung
und Verwirklichung des Unterrichts von rationalen Kriterien
(Entscheidungen)
abhängig zu machen. Das Fach gewinne an Lehrbarkeit,
Planbarkeit
und
Überprüfbarkeit dazu. Das Problem, das sich
für H.G.
Richter dabei ergibt,
liegt in den schwerwiegenden Reduktionen und Vereifachungen des
Fachgebiets. Die
bestechende Stringenz des Konzepts Gunter Ottos funktioniere nur, weil
alle
komplizierenden Faktoren aus Inhalt und Methode ausgeklammert
würden. Inhaltlich
wähle Otto eng umschriebene Teilmengen aus der Modernen Kunst
aus,
in denen die
Organisation von künsterischen Motteln zu inhaltlichen
Problemen
erhoben
werden. Entsprechend geschehe seine Darstellung der Entwicklungslinie
der Modernen
Kunst. Mit seinen Kriterien “aus der Subjektivität
erwachsen”,
“eigengesetzlich”,
“theoriebezogen” und “abstrakt”
glaube Otto den
Charakter
Moderner Kunst überhaupt getroffen zu haben. Zwischenbereiche
zwischen einer
rational-kalkulierten und einer emotional-privaten Ausdrucksweise
würden
einseitig ausgeklammert. Ferner verwechsle Otto den Theoriegehalt
mancher
Kunstwerke mit verbalen Äußerungen der
Künstler
über ihre Werke. Kein
Theoriegerede könne nach Richter die inhaltliche Leere mancher
dieser Objekte
ersetzen. Schließlich reduziere Otto methodisch die Reflexion
aus
Gründen der
Lehrbarkeit auf formale Gegebenheiten und Sichtbarkeiten des
ästhetischen
Objekts. Fragen nach dessen Bedeutung, Sinn und Wert kommen nicht auf.
Der
Satz, die künstlerische Form werde
“buchstabiert”, jedoch nicht
“gelesen”. Ottos Feststellung,
daß Lehre auch im Kunstunterricht möglich sei
vereinfache ästhetische Phänomene zu stark. Sein
Vorschlag
einer ausschließlich
rationalen Methode, die sich auf ausschließlich rational
strukturierte
Gegenstände bezieht entsteht aus einer
“Fehlinterpretation” der
Modernen Kunst.
Inhaltlichkeit Moderner Kunst werde nach dem Prinzip
“Kubismus und die
Folgen”
zu Gunsten rein formaler Problemstellungen vernachlässigt. Bis
heute (1981)
seinen Folgen dieser Reduktion im Kunstunterricht spürbar.
Alle
nachfolgenden
kunstdidaktischen Modelle, die die ästhetische Mitteilung in
ihrer
Komplexität
und Geschichtlichkeit in das Zentrum ihrer Bemühungen stellen,
haben es
gegeüber dieser vereinfachten Sicht schwer. Sie lassen sich
nicht
auf derart
einfache Formeln und auf ein so eingängiges System
didaktischer
Beziehungen
bringen. |