dOCUMENTA
(13) 9/6 — 16/9 — 2012
Der
Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht
und dauerte eine lange Zeit
Das
Rätsel der Kunst besteht darin, dass wir nicht wissen, was sie ist,
bis sie nicht mehr das ist, was sie war. Darüber hinaus wird Kunst
ebenso durch das definiert, was sie ist, wie durch das, was sie nicht
ist; durch das, was sie tut oder tun kann, wie durch das, was sie
nicht tut oder nicht tun kann; sie wird sogar durch das definiert,
woran sie scheitert.
Die
dOCUMENTA (13) widmet sich der künstlerischen Forschung und Formen
der Einbildungskraft, die Engagement, Materie, Dinge, Verkörperung
und tätiges Leben in Verbindung mit Theorie untersuchen, ohne sich
dieser jedoch unterzuordnen. Dabei handelt es sich um Gebiete, in
denen Politisches untrennbar ist von einem sinnlichen, energetischen
und weltgewandten Bündnis zwischen der aktuellen Forschung auf
verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Feldern und
anderen, historischen ebenso wie zeitgenössischen Erkenntnissen.
Die
dOCUMENTA (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen
Vision angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches
Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und
respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und
unbelebten Produzenten der Welt, Menschen Inbegriffen.
Die
Ausstellung in Kassel beschäftigt sich intensiv mit einem Ort,
gleichzeitig stellt sie aber auch einen Polylog mit anderen Orten
her.
Die
dOCUMENTA (13) ist in einer offenkundigen Gleichzeitigkeit von Orten
und Zeiten angelegt, und ist artikuliert durch vier zentrale
Positionen, die vier möglichen Bedingungen entsprechen, unter denen
Menschen, und insbesondere Künstler und Denker, heute agieren. Diese
Positionen oder Standpunkte, die bei Weitem nicht alle Positionen
abdecken, die ein Subjekt einnehmen kann, gewinnen ihre Bedeutung
durch ihr wechselseitiges Resonanzverhältnis. Die vier Positionen,
die innerhalb der mentalen und realen Räume des Projekts ins Spiel
kommen, sind folgende:
Unter
Belagerung. Ich bin umlagert vom anderen, belagert von
anderen.
Auf
dem Rückzug. Ich bin zurückgezogen, ich beschließe, die anderen
zurückzulassen, ich schlafe.
Im
Zustand der Hoffnung oder des Optimismus.
Ich träume, ich bin das
träumende Subjekt der Antizipation.
Auf
der Bühne. Ich spiele eine Rolle, ich bin ein Subjekt im Akt der
Wiederaufführung.
Die
vier Zustände beziehen sich auf die vier Schauplätze – Kassel,
Kabul, Alexandria / Kairo und Banff – phänomenale Räumlichkeiten,
an denen die dOCUMENTA (13) physisch und konzeptuell verortet ist,
während sie zugleich darauf abzielen, die Assoziationen, die
charakteristischerweise mit diesen stets veränderlichen Orten und
Bedingungen verknüpft sind, und die sich in der Tat konstant
verschieben und überlappen, »aufzutauen«. Jede dieser Positionen
ist ein Zustand, ein Geisteszustand, und steht in einer spezifischen
Beziehung zur Zeit: Während der Rückzug die Zeit aufhebt, erzeugt
das Auf-der-Bühne-Sein eine lebhafte und lebendige Zeit des Hier und
Jetzt, die kontinuierliche Gegenwart; während die Hoffnung durch das
Gefühl eines Versprechens - das Gefühl einer Zeit, die sich
eröffnet und nicht endet - die Zeit freisetzt, verdichtet das Gefühl
des Belagerungszustands die Zeit bis zu einem Punkt, an dem es
jenseits der Elemente des Lebens, die eng an uns gebunden sind,
keinen Raum mehr gibt. Künstler, Kunstwerke und Ereignisse nehmen
diese vier Positionen gleichzeitig ein.
dOCUMENTA
(13) dankt außerdem den Hauptsponsoren, Sponsoren, Mäzenen,
Freunden, Leihgebern, Besuchern, Kritikern sowie all denen, die
anonym bleiben möchten.
Neben
den traditionellen Hauptorten der documenta in Kassel, Fridericianum,
documenta-Halle und Neue Galerie Museumsräume und White Cubes - ,
findet die dOCUMENTA (13) auch
in einer Vielzahl anderer Räume statt, die unterschiedliche
physische, psychologische, historische und kulturelle Bereiche und
Realitäten repräsentieren. Sie findet in Räumen statt, die der
Natur- und Technikgeschichte gewidmet sind, wie das Ottoneum und die
Orangerie, und in kleinen Komponenten, die sich über die großartigen
ausgedehnten Grünflächen der barocken Karlsaue verteilen. Ein
Gegenstück zum Park und seinen Sphären der Aufklärung bilden die
industriellen Räume hinter dem früheren Hauptbahnhof, Kassels
ehemals wichtigstem Bahnhof, der heute nur noch für den
Regionalverkehr genutzt wird - ein dystopischer Raum, verbunden mit
der Fabrikwelt, die im 20. Jahrhundert für das
nationalsozialistische Regime Panzer produzierte. Und sie findet in
einer Vielzahl anderer »bürgerlicher « Räume verschiedenster
Stellung abseits der Hauptorte statt - Räume, die noch genutzt
werden oder aber Orte, die mit der Zeit vergessen und »entfernt«
wurden.
Die
dOCUMENTA (13) vollzieht daher eine räumliche oder, genauer gesagt,
»standortbezogene« Wende, indem sie die Bedeutung eines physischen
Ortes betont, gleichzeitig jedoch auf die Verlagerung und Schaffung
anderer und partieller Perspektiven abzielt - eine Erforschung von
Mikrogeschichten in wechselnden Maßstäben, die die lokale
Geschichte und Wirklichkeit eines Ortes mit der Welt verbinden.
Carolyn
Christov-Bakargiev
dOCUMENTA
(13) dankt den Künstlern, Autoren, Wissenschaftlern, Denkern, und
allen anderen Teilnehmern.
Kommentar:
Schon im ersten Absatz
wird behauptet, Kunst sei nicht zu definieren. Damit werden Mythen der
ästhetischen Kunst prolongiert, und der institutionelle Kunstbegriff
ingnoriert (vgl. Luhmann, Danto,
Vilks, Ullrich, Demand, Dickie).
Es
werden systematisch die rhetorischen Figuren der Kunstbegleitliteratur
eingesetzt: widersprüchliche Aussagen in ein und demselben Satz. Das
sollte an sich unser logisches Denken durcheinander bringen.
Erst
wird gesagt, man könne nicht "wissen" und dann werden Bedingungen
aufgezählt, die "definieren". Und woran bitte kann Kunst im
instituionellen Paradigma scheitern?
siehe auch:
Text zur Ausstellung von A. Kapoor
>>>Wer ist für die Unveständlichkeit verantwortlich? Die BesucherInnen der Ausstellung oder die Verfasserin?
zur sender- / empfängerorientierten Kommunikation
>>>