Im Kunstunterricht und in der Bildnerischen Erziehung werden Bilder vor allem mit Methoden der Kunstwissenschaft behandelt. Gegenstand des Unterrichts sind daher meist Kunstwerke oder einzelne herausragende Bilder.
Kunst hat immer eine existenzielle Komponente, nach mehr oder weniger komplizierten Operationen handeln Kunstwerke von Fragen der menschlichen Existenz. Ist dies nicht offensichtlich, wird es in den Kunstbegleittexten evident gemacht. Die Kunstwissenschaft geht von der Grundannahme aus, dass Kunstwerke verdichtet wichtige weil existenzielle Informationen enthalten, entweder weil sie etwas über die Zeit oder über allgemeine menschliche Probleme aussagen und zwar in einer Wahrheit, die eine tiefere oder manchmal auch höhere Dimension besitzt, als das, was wir sonst so über die Welt hören und wissen. Typischerweise konzentrieren sich die Bemühungen vor allem auf das einzelne Meisterwerk, auf die Absicht des Künstlers oder auf die Botschaft, die das Werk unabhängig vom Künstler beinhaltet (Zeitgeist oder ähnliches)… die Absichten des Auftraggebers oder des Sammlers werden nur selten beachtet. Es geht um außergewöhnliche Meisterwerke. In der Kunst ist das Außergewöhnliche eh eine Voraussetzung für den Status „Meisterwerk“. Meisterwerken wird eine ewige Gültigkeit zugesprochen, deshalb werden sie als zeitlos oder außerhalb der Zeit stehend analysiert. - Der Status "Meisterwerk" erleichtert auch die Auswahl für den Unterricht.
Eine weitere Grundannahme über Kunst ist die Andersartigkeit der Sichtweise, die sich in der Kunst Ausdruck verschafft. Kunst wird als die Alternative und der andere Blick verstanden.
Auch Bilder der nicht-künstlerischen Kommunikation[1] werden häufig – mangels anderer Methoden – nach dem Vorbild der Kunstwissenschaft betrachtet, auch hier wird vor allem das einzelne Bild in seiner Bedeutung untersucht und analysiert. Dies hängt, wie Jens E. Kjeldsen gezeigt hat, mit der strukturalistisch und semiotisch geprägten Ausbildung derer zusammen, die derartige Analysen unternommen haben und unternehmen und die paradigmatisch für die Herangehensweise geworden sind. Die meisten Autoren interessieren sich vor allem für die Bedeutung der Zeichen (Bilder, Texte) und weniger für die Argumentation, in der sie eingesetzt werden.[2]
Überzeugungsmittel
Aristoteles
unterscheidet bei der Rede drei Überzeugungsmittel:
- Logos: die Überzeugung mit Hilfe von Logik und rationalen
Argumenten, die
Überzeugung basiert auf Folgerichtigkeit und
Beweisführung.
- Pathos versucht durch
rednerische Gewalt und emotionalen Appell zu
überzeugen. Das
griechische Wort Pathos bedeutet: Gemütsbewegung,
Gefühl,
Leidenschaft, Leiden.
Eine mit Pathos vorgetragene Rede zeichnet sich durch Mimik, Gestik aus
und
versucht dadurch Feierlichkeit oder Leidenschaft zu erzeugen.
- Ethos
bezeichnet der Charakter des Redners, hier geht es um
Autorität und Glaubwürdigkeit. Wir würden
heute eher von
Image reden. Wobei
Aristoteles ausdrücklich betont, dass Ethos durch die Rede
entstehen müsse und
nicht sich aus den Eigenschaften des Redners als Person herleiten
dürfe. Ethos,
der sich aus Herkunft oder Macht herleitet, ist keine rhetorische
Komponente.
Ich möchte die Aspekte Situation und
Überzeugungsweise auf
die Werbung der Münchner Teigwarenfabrik Bernbacher vom Herbst
2005 anwenden,
die ich an anderer Stelle schon hinsichtlich des Bilderverstehens
untersucht
habe.
„So gesehen entsteht rhetorische Kommunikation auf dieselbe Weise, wie eine Antwort als Reaktion auf eine Frage zustande kommt. Kommunikation erhält rhetorische Bedeutung aus der Situation ebenso wie eine Antwort ihre Bedeutung durch eine Frage erhält.“[5] Werbung will den Rezipienten zu einem bestimmten Verhalten bewegen, sie ist ein kommunikativer Akt in einer rhetorischen Situation.
So wie wir eine Antwort aufgrund der Frage verstehen können, auf die sie reagiert, können wir versuchen, von einer Antwort auf die Frage zu schließen, die sie ausgelöst hat. So können wir von einer konkreten Werbeäußerung auf die Situation schließen, wie sie sich für die Werbenden darstellt oder dargestellt hat, und können dabei eine ziemlich hohe Treffgenauigkeit erwarten.
Die Firma Bernbacher gibt es seit über 100 Jahren. Die Marke ist vor allem regional gut bekannt ist. Nach eigenen Angaben ist die Firma in Bayern Marktführer.
Nudeln werden als Beilagen und als Hauptgerichte gegessen. In beiden Fällen teilen sie das gleiche Schicksal, sie werden weniger beachtet wie die Nahrungsmittel, die sie begleiten. Diese Begleiter bringen nämlich den Geschmack, die Nudeln sind entweder Sättigungsbeilage oder Träger der schmeckenden Bestandteile. Nudeln sind wenig beachtete Grundnahrungsmittel.
Weil Nudeln nur einen geringen Eigengeschmack haben dürfen, um den anderen Nahrungsmitteln ihre Entfaltungsmöglichkeit nicht streitig zumachen, können sich die einzelnen Marken geschmacklich und qualitativ kaum voneinander unterscheiden. Dennoch sollen sich die Konsumenten für die eigenen Teigwaren und damit gegen die anderen der Konkurrenten entscheiden. Konkurrenten von Bernbacher könnten billige Nudeln aus den Regalen der Discounters oder italienische Marken sein, denen man als "Italiener" eine entsprechende Kompetenz zugesteht. Nudeln gleichen sich nicht nur in der Qualität sondern auch in der Form.
Dieses Problem teilen die Nudeln mit vielen anderen Produkten, die um die Gunst der Konsumenten werben müssen. In der Regel wird versucht mit dem Versprechen eines ästhetischen und/oder sozialen Mehrwerts die Konsumenten für eine Marke zu gewinnen. Nudeln können kein Logo vorweisen und sie können auch nicht an einer eigenen Form erkannt werden. Sie eignen sich nicht wirklich zur sozialen Distinktion.
Bernbacher verwendet in anderen Zusammenhängen das im Lebensmittelsektor verbreitete Argument einer über 100jährigen Tradition. Tradition steht für Verlässlichkeit, Kompetenz und damit Sicherheit. Allerdings hat dieses positive Argument die Schattenseite „altmodisch“, langweilig, überkommen, alt. So lässt sich vielleicht die ältere Gruppe der Konsumenten binden, aber bei den jüngeren besteht eine gewisse Unsicherheit, ob sie bei der Marke bleiben oder sie gar als uncool gar nicht erst probieren.
Kurz zur Situation:
Nudeln werden übersehen. Bernbacher ist traditionell. Nudeln unterscheiden sich kaum voneinander.
Der Appell
Mit welchen rhetorischen Mitteln geht diese Werbekampagne[7] vor?
Die einzelnen Werbungen appellieren nicht an die Vernunft (den Logos), dies würde etwa geschehen, wenn die hohe Qualität und die Frische der Zutaten oder die Gesundheit des Produktes oder die Sättigungswirkung in den Vordergrund gestellt würden. Sie argumentiert auch nicht mit Folgerichtigkeit oder mit Beweisführung. Auch Pathos wird nicht bemüht. Weder werden Ängste geschürt noch enthusiastische Gefühle geschürt. Es wird die Nudel etwa nicht als eine Rettung in schwierigen Situationen herausgestellt oder mit großen Gefühlen und Leidenschaft aufgebaut. Bleibt nur noch der Ethosappell.
mehr Bilder aus der Werbekampagne
Literatur:
Aristoteles, Rhetorik, Stuttgart (Reclam) 1999
Kjeldsen JE. Visuel retorik. Bergen: 2002.
Kjeldsen JE. Rhetorik i var tid. Oslo: Spartacus Forlag AS, 2004.
Müller M, Sottong HJ. Der symbolische Rausch und der Kode. Tübingen: Stauffenburg-Verlag 1993
[1] Ob Kunst sich als Kommunikation begreifen lässt, ist fraglich.
Franz Billmayer,
zuletzt geändert: 12.10 2010




