In unserer Kultur dominiert die Orientierung am Empfänger weite Bereiche unseres Lebens: Politik, Schule, Warenwelt &c. In den Massenmedien sind die Sender dafür verantwortlich, dass ihre Adressaten sie verstehen.
Semiotische Arbeit
Gunther Kress schreibt von semiotic work, damit meint er die Arbeit, die bei der Konstruktion von Bedeutung und Verstehen geleistet werden muss. Hier ist Macht eine wichtige Komponente:"Theoretically it means that all sign-making has to be founded on a careful assessment of the social environment and the relations of power in that environment. That must precede the process of communication. For the powerful, the normal situation of sign-making is that others' sign-making is ordered to fit the interests of the powerful. Power skews the semiotic world away from transparency into the direction of opacity. Much of what passes as 'politeness' (in anglophone cultures) is evidence of the skewing effects of power in communication. The more powerfui the maker of the sign, the more she or he can ignore the requirements of transparency - that is, attention to the communicational requirements of others. Those others have to do the semiotic work that makes up for the neglect of the privileged." (Kress, Gunther, Multimodality- A social semiotic approach to contemporarycommunication, London: Routledge, 2010, p.72)
Andere Bereiche sind senderorientiert: die Religion, weitgehend das Rechtssystem, die Wissenschaft aber auch die Kunst. In diesen Bereichen finden wir professionelle Vermittler, die uns bei der Interpretation helfen: Rechtsanwälte, Steuerberater, Priester, Theologen, Kunstvermittler, Wissenschaftsjournalisten, Sachbuchautoren, Lehrer...
Die Inhalte des Unterrichtsfaches Bildnerische Erziehung stammen aus beiden Bereichen, der Kunst und der so genannten Alltagsästhetik.
Aus der Unterscheidung empfänger- und senderorientiert ergeben sich Konsequenzen für das Verständnis von Analyse und Interpretation von Botschaften.
Äusserungen in senderorientierter Kommunikation - senderorientierte Texte/BilderKunstwerke – so die Grundannahme des Kunstsystems – "enthalten" Möglichkeiten für Erlebnisse und/oder Informationen, die für den Rezipienten wichtig und wertvoll sind, sich aber weder mühelos noch schnell erschließen. Um an die Informationen heranzukommen, um die Kunstwerke deuten zu können, analysieren wir sie; d.h. wir betrachten sie unter allen möglichen Gesichtspunkten, wir zergliedern sie in Einzelaspekte und unterziehen diese einer genauen Betrachtung: Bildaufbau, Ikonologie, historischer und kultureller Kontext, andere Bilder des Malers, andere Bilder der Zeit usw. So versuchen wir möglichst viel vom Code des Künstlers bzw. des Kunstwerkes zu entschlüsseln. Das Ergebnis der Analyse sind viele Einzelerkenntnisse und -beobachtungen. Dann gehen wir an die Deutung, indem wir die einzelnen Ergebnisse der Analyse zu einem möglichst überzeugenden Ganzen zusammenfügen.
Empfängerorientierte Texte
Werbung verstehen wir mehr oder weniger sofort, schließlich kommt der Sender seiner Verantwortung nach, diese so zu formulieren, dass die Botschaft verstanden wird. In letzter Zeit ist es eine auffallende Strategie der visuellen Werbung, dass kleine Schwierigkeiten im Bildverstehen eingebaut werden, um so die Aufmerksamkeit der Passanten, Zuschauer und Leser zu gewinnen und zu halten. In der Regel sind die Bilder schnell verstanden. Wir meinen oft, da gäbe es nichts zu verstehen, weil uns ein Verstehen ohne Anstrengung nicht bewusst wird. Wenn wir derartige Bilder im Unterricht behandeln, geht es nicht darum sie zu verstehen, das tun wir ohnehin schon. Interessant ist vielmehr, wie und warum wir diese Bilder so leicht verstehen und wie die Mechanismen der Werbung funktionieren. Es geht also nicht um ein Verständnis des jeweiligen Bildes, sondern um ein Verständnis dieser spezifischen Kommunikationsform. Daher kommt hier die Analyse nach der Deutung, wenn wir versuchen, das mühelose Verstehen zu verstehen. Wir untersuchen die verschiedenen Aspekte der empfängerorientierten Kommunikation: Wiederholung, Distribution, Herstellung, Wahrnehmungspsychologie, medialer und kultureller Kontext, Konventionen, kulturelle Assoziationen ...
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Senderorientiert |
empfängerorientiert |
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Kunstwerk, Bibel, Orakelsprüche, |
Werbung, politische Kommunikation |
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schwer
verständlich |
leicht
zu verstehen |
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Analyse |
Deutung (wird kaum bemerkt) |
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Deutung |
Analyse |
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Kunstwerk verstehen |
System verstehen, Verstehen verstehen |
Wissenschaft
In der Wissenschaft sollten beide Partner "Redner" wie "Hörer" so kooperieren, dass Verstehen zustande kommt:"Die Forderung nach Intersubjektivität betrifft beides: intersubjektive Verständlichkeit und intersubjektive Nachprüfbarkeit. Das erstere Verlangen ist grundlegender. Denn bevor man eine Aussage überprüft, muß man ihren Sinn verstanden haben." (Stegmüller 1973 zitiert bei Renner, S. 381)
In der Kunstpädagogik werden diese Regeln nicht immer eingehalten, siehe
Franz Billmayer, 28.10. 2006
zuletzt geändert: 23.3.2011
