Rhetorik ist im herkömmliche Sinne eine Technik zum
überzeugenden Sprechen. Diese Technik oder Lehre hat sich im
antiken Griechenland und in Rom entwickelt, vor über 2000
Jahren.
Die Kunst der Rede wurde bei politischen Debatten und bei rechtlichen
Auseinandersetzungen für wichtig gehalten. Der Begriff wird
heute
auch auf andere Bereiche angewendet, man spricht von der Rhetorik des
Bildes, der Werbung, der Architektur, des Films, der Medien usw. Wenn
uns ein Politiker dazu bringen will, dass wir seine Partei
wählen,
oder ein Kaufhaus mit seinen Schaufenstern dazu, dass wir hineingehen,
all das hat mit Überzeugen zu tun und kann als rhetorisches
Verhalten bezeichnet werden. Aber auch wir verhalten uns so, nicht nur
wenn wir sprechen, auch wenn wir morgens die Kleidung
auswählen,
die wir anziehen, dann machen wir das, um die Leute, die uns
wichtig sind, für uns einzunehmen. Dabei liegen unseren
Entscheidungen gewisse
Hypothesen über unser Publikum zugrunde. Auch wer auf
weiße
Socken verzichtet, weil diese unter Geschäftsleuten als
unseriös gelten, handelt rhetorisch. Auch der Vater, der
versucht,
seine kleine Tochter davon zu überzeugen, dass sie den Teller
leer
essen soll... ein Rhetoriker.
Im Unterschied zu anderen Bereichen der Geisteswissenschaften, die
Literatur, Kunst oder Medien zum Gegenstand haben, ist die Rhetorik
eine praktische Wissenschaft, sie hat mit Technik zu tun und soll
angewendet werden. Sie ist eher eine Ingenieurwissenschaft.
"Ihr Thema ist nicht in erster Linie, warum jemand sagt, was er sagt.
Und noch weniger fragt sie danach, ob es passend ist, daß
einer
dieses oder jenes sagt. Rhetorik lehrt vielmehr, daß, wenn
man
etwas sagt, die Leute das dann auch tun werden." (
Hägg, 2003, S.8f)
Rhetorik interessiert sich für die Wirkung, sie sagt, wenn du
die
Regeln anwendest, dann wirst du Erfolg haben. Sie kümmert sich
nicht um guten Geschmack oder Wahrheit, wenn sie etwas mit einer
schlechten Sprache und schlechten Argumenten erreichen kann, dann sind
das in den Augen der Rhetorik gute Mittel.
Aufmerksamkeit
Wer etwas mitteilen will, muss zunächst dafür sorgen,
dass
ihr oder ihm die Menschen zuhören oder zu schauen, dass sie zu
seinem oder ihrem Publikum werden. Bevor er seine Botschaft formuliert,
macht der Redner zunächst auf sich aufmerksam und teilt mit,
dass
er etwas mitzuteilen hat. Dies kann auch ein anderer für ihn
übernehmen, der ihn einem Publikum vorstellt. Aber das ist
schon
eine besondere Situation, denn hier ist das Publikum in der Regel schon
zu einem bestimmten Zeitpunkt an den jeweiligen Ort gekommen, um einen
Vortrag zu hören. In anderen Zusammenhängen muss der
Redner,
der
ein Publikum gewinnen will, auf sich aufmerksam machen, das wird er in
aller Regel durch eine laute Stimme oder durch andere Formen der
Inszenierung machen. Inszenierung heißt hier, ein Verhalten
und
ein Outfit an den Tag legen, das sich von der umgebenden
Normalität unterscheidet. Der Verkäufer auf dem Markt
schreit, um gehört zu werden (der Vorteil der akustischen
Botschaft: das Hören funktioniert in alle Richtungen
unwillkürlich, wir können die Ohren nicht
verschließen
und nicht einfach weghören, wie wir wegschauen
können).
Wer etwas zu sagen hat, kann zunächst einfach seinen
Zuhörern
sagen , dass er etwas zu sagen hat und dass er dies jetzt tun will. Er
kann etwa sagen: Hört mal alle her, ich möchte euch
etwas
sagen. Andererseits gibt es besondere Orte, die speziell dafür
geschaffen sind, dass Redner dort ihre Botschaften verkünden
können. Das Publikum sucht diese Orte auf, um Rednern
zuzuhören. Das sind etwa die Rednerbühnen in der
Antike, die
Kanzeln in den Kirchen, die Rednerpulte in den Parlamenten. Wer sich
auf eine derartige Bühne begibt, teilt damit mit, dass er
etwas zu
sagen hat und dass er vom Publikum erwartet, dass dieses
zuhört.
Dass es sich bei einer Wahrnehmung vermutlich um eine Botschaft
handelt,
erkennen wir vor allem am Ort und an der Form. (Form: Piktogramme im
Zug vs Graffiti)
Orte, die dafür bekannt sind, dass dort Botschaften angeboten
werden. Rednerbühne, Kanzel, Medien, Plakatwände
Was einer mitteilen will, ob es ernst oder ironisch oder unterhaltend
ist, können wir in der Regel schon am Stil erkennen. Wenn wir
in
einem Land unterwegs sind, dessen Sprache wir nicht kennen,
können
wir bei Radioprogrammen ohne Probleme erkennen, ob schöne
Literatur, Nachrichten, Predigten oder Sportreportagen gesendet werden.

könnte die Vorlage für die Zeichnung links gewesen sein.
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Neben dem Ethos gibt es in der klassischen Rhetorik zwei weitere
Appellformen: Logos (Vernunft) und Pathos (Emotionen des Publikums).
Bei diesem Bild wird mit Logos argumentiert, die linke Hälfte
zeigt drastisch die Folgen des falschen Verhaltens der Sender will hier
nicht allzu streng auftreten und macht aus dem Mann einen der eine
Schirmmütze trägt. Wobei der Schirm einmal nach vorne
und
einmal nach hinten zeigt. Könnte dabei nicht passieren, dass
die
unerwünschte Verhaltensweise den coolen jungen Typen
vorbehalten
bleibt.
Franz Billmayer, 27.9.2005
zuletzt geändert: 12.10 2010
Ethos: Der
Charakter, das
Ansehen oder das Image des Redners. Wie er
oder sie auftritt.

Den oberen Aufkleber habe ich in der Toilette eines
Überlandbusses in Norschweden, den unteren in der Toilette
eines
Cafés in Stockholm gefunden. In beiden Bildern werden zwei
Verhaltensweisen gezeigt, von denen eine durchgestrichen ist, in beiden
Fällen werden männliche Personen stilisiert
dargestellt. Das obere Bild stellt beide Verhaltensweisen in einem Bildraum dar, weil
wir wissen, was dieser Aufkleber mitteilen will, wissen wir auch, dass
hier nicht ein Aufenthaltsverbot für zwei Männer
ausgesprochen wird.
Übrigens wollen uns beide Bilder nicht
wirklich etwas mitteilen, sie erinnern uns vielmehr an ein ein Gebot, das wir schon wissen. Auf dem unteren Bild werden die
zwei möglichen Verhaltensweisen nebeneinander dargestellt und
obwohl sich die Toilettenschüssel auf der linken von der auf
der
rechten Hälfte unterscheidet, verstehen wir die Bilder als die
Darstellungen von zwei Verhaltensalternativen und nicht als Schnitt durch eine
Toilettenanlage. Beim oberen Aufkleber ist die Männlichkeit
durch
einen Männerhut dargestellt, unten durch den stiliserten
Penis.
Auf dem unteren Bild wird die unerwünschte Verhaltensweise
deutlich dargestellt, auf dem oberen eigenartig angedeutet.
Würde man die beiden Bilder lediglich mit den traditionellen
Methoden analysieren, so würde das untere etwa sagen: nicht im
Stehen in die Toilettenschüssel pinkeln. Dass der obere
stehende
und durchgestrichene Mann nicht einfach nur die Hände in den
Hosentaschen hat, sondern uriniert, lässt sich nur aus dem
Zusammenhang erahnen, in anderen Zusammenhängen
könnte er
für sich genommen einfach nur kommunizieren: (hier) nicht
stehen.
Auch die Tatsache, dass er seitlich neben der
Toilettenschüssel in
einer unmöglichen Stellung steht, verhindert nicht, dass wir
die
Botschaft ohne weiteres verstehen.
Traditionellerweise würde man auch sagen, die Gestaltung des oberen Aufklebers ist besser gelungen als die des unteren,
im BE-Unterricht würde die linke Lösung wohl die
bessere Bewertung bekommen.
Aber wie ist dies unter rhetorischen Bedingungen? Erfüllen
nicht
beide Aufkleber ihren kommunikativen Zweck? Wir können nicht
sagen, der obere ist kommunikativ besser, d.h. er führt zu
mehr
richtigem Verhalten als der rechte.
Aus Machart, Material und dem Ort, an dem die jeweiligen Bilder
angebracht sind, schließen wir vor allem auf die Sender,
denjenigen, der uns etwas mitteilen will. Oben ist die Firma
zu erkennen, die die Buslinie betreibt, unten eine mehr oder weniger
verzweifelte Reinigungskraft, ihr Appell ist persönlich und so
gesehen weniger ein Befehl als eine Bitte. Wobei ich auch bei
der
rechten Variante wie oben schon erwähnt eher von einem
Hinweis,
nicht von einem Befehl ausgehe.
Die beiden Bilder sind vor allem auch eine Möglichkeit auf den
Ethos, den Charakter des Senders zu schließen. In der
Toilette
eines kleinen Cafés wirkt der ungelenk gezeichnete Appell wohl besser als ein gekaufter Aufkleber. Wir erkennen das
Individuum hinter der Botschaft.
Busse gehören einer Firma, diese
kommuniziert mit uns in stilisierter, unpersönlicher,
technisch
und gestalterisch perfekter Manier, hier sind die einzelnen
Arbeitskräfte austauschbar.
Aus einem Flugzeug, in dem mit
Zetteln
wie dem unteren kommunziert wird, würden wir wohl schon vor
dem
Start aussteigen.
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