In der Postmoderne ist das Publikum
auch nicht mehr das, was es einmal war. Einer der Linien in der
Kulturpolitik, die die Qualität am meisten untergräbt, besteht
darin, dass wichtigste Zielgruppe der Politik – die Anwender –
von Behörden, Politikern und anderen auf einer falschen Grundlage
verstanden werden. Die politische Publikumskonstruktion basiert auf
einer Kombination aus einem veralteten Kulturverständnis und einer
Klassenanalyse, die nicht mehr gilt. Gemeinsam mit der Sprache wird
die Kunst traditioneller Weise als der wesentliche Kern der
norwegischen allgemeinen Kultur verstanden. Sie ist deshalb
allgemeingültig. Wenn die Statistik zeigt, dass tatsächlich nur ein
begrenzter Teil der Bevölkerung Kunsterfahrungen ausgesetzt wird und
sich diesen aussetzt, dann wird die Ursache in sozialen und
geografischen Barrieren hinsichtlich der Verbreitung der allgemeinen
Kultur gesehen. Man hat geglaubt und glaubt immer noch, dass
diejenigen, die sich dem Angebot der Künstler und der
Kunsteinrichtungen nicht aussetzen, so zu sagen unfreiwillig
unglücklich und kulturell unterstimuliert seien. Die Kulturforschung
deutet darauf hin, dass das eine verkehrte Figur ist. Sowohl für
Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene sind die Kulturäußerungen,
die sie via Medien und internationale Kulturindustrie (Film,
Fernsehen, Video, CDs, Moden usw.) erfahren, der Kern der gemeinsamen
kulturellen Referenzen. Als Folge dieser gemeinsamen Plattformen
findet man eine Reihe unterschiedlicher identitätsbedingte
Interessensprofile, wobei das Interesse für die traditionellen
schönen Künste
eine – und nur
eine – von vielen
kulturellen Nischen ausmacht. Nach meiner Auffassung ist die Idee,
dass die Kunst für alle sein soll, unabhängig davon ob sie wollen
oder nicht, eine Art ungeheuerlicher und altbürgerlicher
Paternalismus. Ich meine, das Kunstinteresse muss als das verstanden
werden, was es ist, nämlich als eine relativ große Subkultur, die
genauso wie andere Subkulturen als ein gruppenspezifisches
Identitätsprojekt an der Außenseite der gemeinsamen Kultur
existiert, die die Medien und die Kulturindustrie repräsentiert. Die
über andere kulturelle Ausdrucksformen erhabene Position der Kunst
ist ein Ausdruck für symbolische Herrschaft. Ästhetische Erfahrung
und expressive Entfaltung finden wir in allen subkulturellen
Äußerungen. Ein Leben ohne Kunst kann also ein brauchbares Leben
sein. Ich glaube, eine gute und vernünftige Kulturpolitik muss die
anerkennen. Wir, die wir uns für die traditionellen Kunstarten
interessieren, müssen anerkennen, dass das, womit wir uns
beschäftigen, für uns sinnvoll ist, ohne dass wir die Forderung
erheben, dass alle anderen das Selbe mögen sollen wie wir. Wenn wir
etwas erkannt haben sollten, dann das, dass Qualität in einem
Bereich nicht ausschließt, dass es genauso bedeutende und sinnvolle
Qualitäten in alternativen kulturellen Bereichen gibt. Die aktuelle
Publikumskonstruktion hat zwei paradoxe Konsequenzen. Zum einen
bringt die staatliche Forderung nach Quantität als Voraussetzung für
Qualität im Kunstleben einen hoffnungslosen Populismus hervor, eine
mittelmäßige Kunst, die eigentlich niemanden interessiert. Die
Quantitätslogik fördert eine Kunst, die nach den Prämissen der
Unterhaltungsindustrei konkurriert. Und da ist sie eine klare
Verliererin. Zum Anderen trägt diese Publikumskonstruktion zu sich
selbsterfüllenden Klassenprophetien bei. Durch das Festhalten an der
Idee der Kunst als des eigentlichen kulturellen Allgemeingutes, was
sie empirisch nicht ist, hält man die sozial distinguierende
Oberhohheit der Kunst am Leben. Man verwirft die tatsächlichen
Kulturinteressen des Volkes als minderwertig und produziert damit die
sozialen Ungleichheit, denen man entgegen wirken will. Wenn ich
behaupte, dass die Kunst faktisch keine Gültigkeit für alle hat,
reduziere ich damit nicht ihre Bedeutung? Die Antwort ist nein. Die
kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Kunst ist indirekt,
subtil und man sieht sie am besten im Nachhinein. Und das ist
definitiv keine Frage davon, wie viele sie als Hobby haben. Künstler
haben nicht durch verkaufte Eintrittskarten ihre Spuren hinterlassen.
Im Gegenteil dadurch, dass sie sich in und über ihre Gegenwart
ausgedrückt haben, mit oder gegen das allgemeine und politische
Interesse, dass die Kunst die Menschen und die Geschichte beeinflusst
hat.“
in: Lund,
Christian, Kunst,
kvalitet og politikk- rapport fra Norsk Kulturråds årskonferanse
2000,
Oslo: Norsk Kulturråd, 2001., S.50 f. Übersetzung Franz Billmayer