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Franz Billmayer
(erschienen
in: BDK-Mitteilungen 2003/4)
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Schau‘n mer mal Kunst
und andere Bilder
Unterschwellig ist die aktuelle kunstdidaktische Diskussion von einer
Polarisierung der Begriffe Kunst einerseits und Bild andererseits
bestimmt. Es wird offenbar befürchtet, dass mit dem Setzen auf
den
jeweiligen anderen Standpunkt etwas Wichtiges verloren geht oder zu
kurz kommt. Die "Bildgegner" haben Angst vor festen und definierten und
damit verbindlichen Lehr- und vor allem Lerninhalten, die dem
Kunstbegriff und auch vielen Vorstellungen vom sog. neuen Lernen
widersprechen. Die "Bildfreunde" fürchten um das Fach und die
Allgemeinbildung in einer Welt der Bilder.
In letzter Zeit finden sich in Veröffentlichungen zur
Kunstpädagogik vermehrt Empfehlungen, die Konzeption
Ästhetische Erziehung zugunsten einer künstlerischen
Bildung
zu verändern. Damit soll zum einen der abnehmenden Bedeutung
des
Ästhetischen in der aktuellen Kunst Rechnung getragen werden
und
der Akzent stärker in Richtung Kunst verschoben werden. Diese
Ansätze orientieren sich am erweiterten Kunstbegriff Joseph
Beuys‘
und an philosophischen Ideen der Lebenskunst. Dabei werden die Begriffe
künstlerisch, gestalterisch, bildnerisch und kreativ
vergleichsweise synonym verwendet.
Bilder in der Kunst
Doch schauen wir uns einmal Bilder genauer an – ohne aus den
Augen
zu verlieren, dass sich der „Kunst“unterricht auch
mit anderen
Gegenständen beschäftigt. Es gibt viele Bilder; ein
verschwindend kleiner Teil davon sind Kunstwerke.
Grundsätzlich
lassen sich Bilder der Kunst von anderen Bildern weder anhand
materieller noch anhand sinnlicher Merkmale unterscheiden, auch die Art
der Herstellung bietet kein verlässliches
Unterscheidungskriterium. Die beiden Bildklassen unterscheiden sich
lediglich darin, wie wir mit ihnen jeweils umgehen, wie wir sie
verwenden, wie wir sie interpretieren. Kunst ist – so
beschrieben –
kein Wesensmerkmal der Kunstwerke, Kunst ist eine Form des Gebrauchs,
den wir von Gegenständen machen. Dadurch dass sie für
einen
derartigen Gebrauch hergestellt oder ausgewählt werden, werden
sie
zu Kunstwerken. Kunst ist lediglich ein Index, eine Markierung, die
anzeigt, wie mit dem damit bezeichneten Gegenstand bzw.
Phänomen
umzugehen ist. Der Index ist nicht Teil des Werkes, sondern des
Zusammenhangs, in dem es steht. Wie sich an vielen Beispielen moderner
Kunstwerke zeigen lässt, ist diese Zuschreibung weder an die
Erscheinung noch an den Inhalt gebunden. Alles kann Kunst werden, wenn
ein Künstler es dazu macht und Rezipienten ihm
„folgen“. Das
Kunstsystem verwaltet dieses Indizes und hält die
Gebrauchsanweisungen bereit.
Wir können Bilder aufgrund unseres Erkenntnisinteresses und
unserer Interpretationsweise in zwei Kategorien unterteilen:
- Bilder, bei denen es richtige und falsche Interpretationen gibt,
z.B. Röntgenbilder, Nachrichtenbilder, Satellitenaufnahmen,
Naturstudien, Baupläne, naturwissenschaftliche Zeichnungen,
Passfotos, Piktogramme &c. Diese Bilder beziehen sich auf eine
objektivierbare, intersubjektive Wirklichkeit. Die Richtigkeit der
Interpretation lässt sich durch Vergleiche mit der Welt oder
den
entsprechenden Codes überprüfen.
- Bilder, bei denen die Interpretationen offener sind, wo es um
schön oder häßlich, interessant oder
uninteressant,
ansprechend oder abstoßend,
außergewöhnlich oder
gängig geht, z.B. Werke der modernen Kunst, Fototapeten,
Landschaftsfotografien, Poster, Bilder in der Werbung &c. Die
Grade
der Offenheit können dabei sehr unterschiedlich sein.
Selbstverständlich können Bilder der ersten Kategorie
so
verwendet werden wie die der zweiten, etwa wenn wir uns eine Landkarte
nicht zur Orientierung sondern als Dekoration an die Wand
hängen,
oder Benetton Bilder aus der Sphäre des Journalismus
überdimensioniert an Plakatwände klebt.
Generell ist die Bedeutung von Bildern abhängig vom
Gebrauchszusammenhang, in dem sie gezeigt und gesehen werden.
Kunstwerke werden nach dieser Klassifizierung prinzipiell genauso
interpretiert und verwendet wie Poster, Wandtapeten oder
Werbefotografien. Allerdings werden Kunstwerke für wichtiger
und
bedeutungsvoller gehalten. Dies sind kulturelle Zuschreibungen, die
nicht für alle sozialen Gruppen gleichermaßen gelten
. Diese
Zuschreibungen sind ein Ergebnis von Übereinkunft und Macht.
Kunstwerke und Kunst werden an maßgebenden kulturellen und
medialen Orten besprochen und diskutiert – Schule,
Hochschule, Museum,
Feuilleton. Sie fordern und bekommen in bestimmten sozialen Gruppen ein
entsprechend hohes Maß an Aufmerksamkeit. Kunstwerke sind in
der
Regel einzigartig und einmalig, dies sind wichtige Voraussetzungen
für die Strategien, Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Poster haben dagegen hohe Auflagen und hängen in vielen
Zimmern. Sie werden intensiv betrachtet, die Ergebnisse dieser
Betrachtungen sind vergleichbar offen wie die von Kunstwerken.
Allerdings werden sie - abgesehen vielleicht von Jugendzeitschriften -
nicht öffentlich diskutiert.
Beide Bildklassen können ebenso der Dekoration wie der
Sinnkonstruktion dienen.
Bilder im Kunstunterricht
Viele Bilder , die im Rahmen des Kunstunterrichts gemacht werden,
gehören zur zweiten Kategorie Bilder. Sie ahmen oft Kunstwerke
nach. Sie sind Ergebnis individueller Vorstellung und Einbildung, sie
zeigen die Welt in den Augen von Kindern und Jugendlichen. Sie haben
nicht eine einzig richtige Interpretation, die sich mit objektiven bzw.
intersubjektiven Testverfahren überprüfen
ließe,
sondern lassen mehr oder weniger viele zu.
Auch wenn Bilder im Kunstunterricht individuell, einzigartig, einmalig
und möglicherweise von einer persönlichen
Betroffenheit her
gemacht werden und damit vielen aktuellen und früheren
Kunstwerken
ähneln, sind sie ebenso wenig Kunstwerke wie Poster,
Fototapeten
oder die Ergebnisse kunsttherapeutischer Sitzungen. Die handwerkliche
individuelle Herstellung, ihre Einmaligkeit oder die mögliche
Ähnlichkeit mit Bildern der Kunst sind kein hinreichender
Grund,
sie als Kunstwerke zu rezipieren oder sie in deren Nähe zu
rücken.
Bilder, die im Kunstunterricht entstehen, sind das Ergebnis von
Übungsaufgaben und zunächst einmal
„Testbilder“. Sie sind
Mittel zum Lernen und zum Beurteilen von Lernfortschritten. Sie werden
vor allem unter dem Gesichtspunkt des Gelingens betrachtet, also mit
den Kriterien besser oder schlechter. Sie werden nur
äußerst
selten von ihrem Gehalt her interpretiert. Allerdings können
sie
nach dem Unterricht eine Karriere machen, eventuell irgendwo in einem
Zimmer aufgehängt werden, und zu Bildern werden, mit denen
ebenso
umgegangen wird wie mit Postern oder Kunstwerken.
Schülerinnen und Schüler im Kunstunterricht sind noch
am
ehesten mit Künstlern des Mittelalters und der frühen
Neuzeit
zu vergleichen, Lehrerinnen und Lehrer mit den Auftraggebern, etwa
einem Bischof. Der Bischof erteilt den Auftrag, entscheidet
über
das Bildprogramm und legt den Zeitplan fest, in dem die Arbeit zu
erledigen ist. Abhängig von der Person des Auftraggebers, vom
Ansehen des Künstlers und möglicher sonstiger
Umstände
kann dem Künstler eine mehr oder weniger große
Entscheidungsfreiheit zugebilligt werden. Künstlerische
Freiheit
im modernen Sinne hat er nicht. Nach der Fertigstellung nimmt der
Bischof die Arbeit ab, bewertet und entlohnt sie. Die Analogie gilt
für alle Arbeiten, die im Rahmen des schulischen
Kunstunterrichts
gestellt werden, die Freiheitsgrade können variieren. Im
Kunstunterricht geht es im Gegensatz zu seinem Namen nicht um Kunst,
sondern um die ästhetisch erzeugte Wirklichkeit.
Im Kunstunterricht werden gestalterische oder bildnerische Probleme
gestellt und behandelt. Es geht darum, Bilder zu erfinden, zu
gestalten, zu verstehen, es geht auch darum, genau hinzuschauen und
differenziert wahrzunehmen. Damit müssen sich auch
Künstler
beschäftigen; die meisten Probleme, die sich ihnen stellen,
sind
wie bei den Schülerinnen und Schülern Probleme, die
den
Entwurf, die Gestaltung oder die Formulierung betreffen.
Nachdem wir gesehen haben, dass der Unterschied zwischen Bildern
und Kunst in der Markierung begründet liegt und nicht in der
Beschaffenheit oder der Machart, kann der Begriff künstlerisch
nicht mehr wie gewohnt synonym für gestalterisch oder
bildnerisch
verwendet werden. Künstlerische Fragestellungen und Probleme
sind
Fragestellungen und Probleme hinsichtlich der Kunst. Um
künstlerische Probleme behandeln zu können, ist ein
entsprechendes Wissen über die Entwicklungen der aktuellen
Kunst
und das Verständnis des Kunstbegriffs unerlässlich.
Beides
kann in der Regel in der Schule nicht vorausgesetzt werden. In den
praktischen Aufgaben, die im Kunstunterricht gestellt und bearbeitet
werden, werden also keine künstlerischen, sondern
gestalterische
Probleme behandelt. Ebenso sind die meisten der sogenannten
Kunstbetrachtungen nichts anderes als Bildbetrachtungen.
Kunst im Kunstunterricht
Gunter Otto hat 1974 seine Didaktik der Ästhetischen
Erziehung veröffentlicht, u.a. ging es ihm dabei darum, die
Unterrichtsgegenstände, die im Zuge der Visuellen
Kommunikation
gefordert wurden, mit den traditionellen Inhalten des Faches vor allem
der Kunst zu versöhnen, sie unter einen gemeinsamen Begriff
und
ein gemeinsames Konzept zu bringen . Der gemeinsame Nenner war das
Ästhetische und sein später formuliertes Konzept der
Ästhetischen Rationalität. Diese Integration war
seine
große Leistung. Wie selbstverständlich hingen
für ihn
Kunst und Ästhetik zusammen, obwohl ca. 60 Jahre vorher Marcel
Duchamp mit seinen Readymades schon gezeigt hatte, dass das, was einen
Gegenstand zur Kunst macht, eben nicht das Ästhetische an ihm
ist,
sondern der Gebrauch, den wir von ihm machen.
Gunter Otto konnte in sein Unterrichtskonzept der Ästhetischen
Erziehung ohne Probleme die Kunst mit einbeziehen, denn Kunst galt als
ästhetisches Phänomen. Dies gilt heute so nicht mehr.
Das,
was ein Kunstwerk zum Kunstwerk macht, ist wie gesagt nicht seine
Erscheinung, sondern der Index. Dies wissen wir spätestens
seit
der Entwicklung der Kunst in der zweiten Hälfte des letzten
Jahrhunderts. Wenn Kunst grundsätzlich nicht mehr
ästhetisch
ist, was gibt es dann an ihr als Kunst noch zu lernen? Reicht es, die
Mechanismen des Index und des Kunstsystems zu vermitteln?
Eine der Aufgaben der Kunst ist es, einen anderen Standpunkt
gegenüber der Welt zu entwickeln und zu präsentieren.
Von der
Kunst aus lässt sich die Welt verstehen, kritisieren und auch
neu
entwerfen. Die Kunst als ein Möglichkeitsraum sollte
für
Kinder und Jugendliche erschlossen werden. Es ist schwierig aber nicht
unmöglich, den Index Kunst zu verstehen. Kinder und
Jugendliche
sollten möglichst viele verschiedene Kunstwerke kennen lernen
und
so Zugang zur Kunst bekommen.
Allerdings sollte man auch aus Respekt vor der Kunst und um
Missverständnisse zu vermeiden darauf verzichten, das, was an
praktischer Arbeit im Unterricht entsteht, mit dem Prädikat
künstlerisch zu versehen, oder gar den Kunstunterricht als
künstlerische Handlungsform zu betrachten.
Literatur:
Buschkühle, Carl-Peter (Hg.) : Perspektiven
künstlerischer Bildung : Texte zum Symposium
Künstlerische
Bildung und die Schule der Zukunft, Köln : Salon-Verlag, 2003
Danto, Arthur C.: Die Verklärung des Gewöhnlichen :
eine
Philosophie der Kunst. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1984
Goffman, Erving : Rahmenanalyse : ein Versuch über die
Organisation von Alltagserfahrungen, Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1980
Parsons, Michael : How we understand art : a cognitive developmental
account of aesthetic experience, Cambridge (u.a.) 1989
Puritz, Ulrich (2000) : Sushi-Syndrom: LKW als PKW oder:
LebensKunstWerke als ProjektKunstWerke in: Blohm, Manfred (Hg.) :
Leerstellen : Perspektiven für ästhetisches Lernen in
Schule
und Hochschule, Köln : Salon-Verlag, 2000
Sachs-Hombach, Klaus (Hg.) : Bildhandeln : interdisziplinäre
Forschungen zur Pragmatik bildhafter Darstellungen, Magdeburg :
Scriptum-Verl. 2001
Sachs-Hombach, Klaus : Begriff und Funktion bildhafter Darstellungen in
: Huber, Hans Dieter, Lockemann Bettina, Scheibel, Michael (Hg.) . Bild
/ Medien / Wissen, München : kopaed, 2002, S.9 - 46
erschienen in:
BDK-Mitteilungen 2003/4