„… ein Publikum zu bilden…“Gespräch der Redaktion der BDK-Mitteilungen mit Ulrich Schötker, dem „Leiter der Vermittlung“ der documenta 12, BDK-Mitteilungen 2/2007 S. 2 – 5Auszüge |
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Ästhetische Erfahrung
ist ja ein Dreh- und Angelpunkt für die Kunstdidaktik. Welche
Rolle spielt sie
in Bezug auf die sprachliche Dimension der Vermittlung auf
einer solchen
Groß-Ausstellung?
Die Erfahrung von Kunst ist nicht eine reine Selbsterfahrung, sondern stets eine Erfahrung in die ich bestehende Wissensressourcen einbringe und zur Disposition stelle. Sie wird erst dann gesellschaftlich relevant, wenn ich beginne, sie in Sprache zu übersetzen - dann also, wenn ich sie einem sozialen Zusammenhang zur Verfügung stelle. Sie wird ja nicht durch Konsens maßgeblich, also weil wir alle das gleiche sehen, spüren, erfahren, sondern gerade dadurch, dass sie Unterschiedlichkeiten herausstellt, Differenzen aufzeigt und sogar Konflikte erzeugt. Mit der eigenen Urteilsfähigkeit hört also der Prozess nicht auf, sondern beginnt erst. Man muss sich klar machen, dass Zumutungen in der gesellschaftlichen Funktion von Kunst angelegt sind - und auch in der gesellschaftlichen Funktion von Erziehung. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Möglichkeit, der Kunstvermittlung selbst etwas zuzumuten. Die ausgewählten Kunstvermittlerinnen sind eingeladen, ein eigenes Konzept für eine von ihnen ausgewählte Besuchergruppe zu erarbeiten. Begreift man die documenta 12 als Bildungsinstitution, so fallen gerade all die Gesellschaftsmitglieder ins Auge, die ohne eine Aufforderung die documenta eher nicht besuchen würden. Viele der Vermittlerinnen haben Konzepte erarbeitet, die sich diesen Besuchergruppen widmen. Diese Gruppen sind so heterogen, wie die Werke in der Ausstellung sein werden: Besucher aus Warschau/Krakau aus der Gay-, Lesben-, und Transgender-Szene, Erwerbslose aus Kassel, stillende Mütter und ihre Partnerinnen, Personen vom Wagenplatz und der alternativen Szene in Kassel, Frauen mit Brustkrebserkrankungen, interreligiöse, christlich-muslimische Gruppen, Blinde, Gehörlose, Jugendliche und Senioren mit Migrationserfahrungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Eine Zusammenarbeit mit diesen Gruppen wird nur möglich sein, wenn man sensible Formen des Einladens er-findet, eigene Vorstellungen vor der Kontaktaufnahme kritisch reflektiert und sich auf den Austausch von Wissen und Erfahrungen einzulassen versteht. Es bedeutet vor allem Formen zu finden, welche die Widersprüche produktiv machen lässt. Denn den Widersprüchen - so wie sie sich auch in den Leitmotiven wieder finden - scheint man nicht entgehen zu können, aber man wird an Formen arbeiten, um mit ihnen umzugehen. ...................... |
Hier sollen offensichtlich
auch weniger interessierte Personengruppen missioniert werden. Der Bildunterricht versucht im Gegensatz zum Kunstunterricht über den Nutzen, den das Wissen über Bilder bringt zu überzeugen. Er lehnt die Auseinandersetzung mit Kunst nicht ab, hält aber andere Erscheinungen und Zusammenhänge für wichtiger und interessanter. |
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| Auf
der letzten
documenta wurden Kunstlehrerinnen und -lehrer vom Aufsichtspersonal
ermahnt,
nicht selber führungsähnliche Funktionen
auszuüben, hierfür seien die
professionellen Führungskräfte zuständig.
Wie kam es damals hierzu? Werden sich
solche Situationen auf der d 12 wiederholen? Diese Situationen haben ihre Geschichte. Soweit es mir bekannt ist, gab es erst auf der zehnten und elften documenta diese Beschränkungen. Im Verlauf der 1990er Jahre wuchs das Interesse an Besucherführungen beträchtlich, und zu beiden Ausstellungen vergab die documenta GmbH den Besucherdienst an Unternehmen. Sie organisierten die Anrufe, Buchungen, Tagesfahrten, ordneten die Vermittlerinnen den Gruppen zu, etc. Wenn man so will: es war ein Geschäft. Diesmal will die Kunstvermittlung zwar mehr sein als nur ein Besucherservice. Sie ist stärker integriert in die Ausstellungsarchitektur durch die Palmenhaine sowie die gemeinsame Präsenz der Magazines, des Beirats und der Kunstvermittlerinnen, die in der documenta-Halle einen gemeinsamen Ort bespielen werden. Aber leider ist der Kunstvermittlung nach wie vor kein Budget zugedacht und es gibt eine ökonomische Abhängigkeit durch den Vertrieb. Das ist dann nicht positiv zu bewerten, wenn man mit neuen Formen experimentieren will und zugleich vom Verkauf abhängig ist. Nicht umsonst galt es als Errungenschaft des modernen Bildungssystems, die pädagogische Aufgabe vom Gewinnstreben zu befreien. Sicher ist aber, dass wir uns selbst vor kommerziellen Anbietern schützen müssen, die auf ihrem Gebiet sicher gute Arbeit leisten, aber nicht zwangsläufig eine Bildungsarbeit im Sinne der documenta 12. Trotzdem werden wir für Gruppen, die einer Bildungsinstitution angehören und ihre Gespräche oder Führungen selbst moderieren möchten, die Möglichkeit dazu geben. Wir geben ein Kontingent frei, damit diese Gruppen in den Ausstellungsräumen arbeiten können. Es wird jedoch unterschieden, ob diese Gruppen eine Kontinuität in der Bildungsarbeit mitbringen, oder einfach eine günstige Alternative im Kontext der Eventkultur suchen. Möchte man all den Besucherinnen und Besuchern, die nicht aus dem Kontext einer Bindungsinstitutionen zur documenta finden, eine Begleitung sichern, so muss man ein Vermittlungsteam aufstellen, das geordnete Zugangsrechte aufweist. Grundsätzlich empfehlen wir den Besuchern sich diesmal nicht nur mit den Werken, sondern auch mit den Kunstvermittlerinnen auseinanderzusetzen. |
In unserer Kirche predigen
nur unsere Pfarrer. War da nicht mal was mit Kunst und Freiheit? Bildung und Freiheit? Aber wenn die Kunst nicht mehr ästhetisch ist, dann kann man ja auch irgendwo über sie reden. Warum dann noch nach Kassel fahren? Oder pilgert man eher und lässt sich von "Vermittler" die Wahrheit und den rechten Weg zweifeln. Der Besucher als Zaungast. |
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| Franz Billmayer, 15.5.2007 | ||||