lässt sich gut auf Gestaltungen zur visuellen Kommunikation anwenden

angemessene Äußerungen | Gestaltungen machen und erkennen

Angemessenheit – aptum

In der Rhetorik bezeichnet den Begriff aptum Angemessenheit. Angemessenheit kann sich auf Sprecher oder Sprecherin beziehen (ein Lehrer oder eine Lehrerin sollte nicht „Verdammte Scheiße“, sondern lieber „oh mein Gott“ sagen), auf das Publikum (zu einem Lehrer oder einer Lehrerin sollte man nicht „Verdammte Scheiße“ sagen), auf die Situation oder ähnliches beziehen.
Es geht um Angemessenheit in stilistischer, kognitiver, emotionaler, medialer, sozialer und situativer Hinsicht. Und: die einzelnen Elemente müssen untereinander passen.
(vgl. S. Küffer, Rhetorik in der Visuellen Kommunikation)

Manchmal ist es schwer zu entscheiden, was angemessen ist und was nicht. Man muss die Umstände, das Publikum und die Sache genau kennen. Angemessenheit ist das Ergebnis von meist impliziten sozialen Übereinkünften. Wir können oft sagen, ob etwas angemessen ist oder nicht, auch wenn wir nicht genau sagen können, warum.

Bildunterricht

Die Gerade-Noch-Methode bezieht sich auf Fragen der Angemessenheit von Äußerungen.
Dabei sollen für eine (bildnerische) Aufgabe jeweils drei verschiedene Lösungen gefunden und realisiert:
1. eine angemessene Lösung
2. eine unangemessene Lösung
3. eine gerade-noch angemessene Lösung, d.h. eine Lösung, die knapp an oder noch besser auf der Grenze zwischen angemessen und nicht angemessen liegt.
So kann eingehend und kontrovers über die Angemessenheit diskutiert werden: Kontext, Stil, Material, Darstellungsweise, Botschaft, Publikum, Genre &c.

Mögliche Themen

Zeugnisformulare, Werbung, generell Layout (wissenschaftliche Texte, romantische Gedichte, Kinderbücher, Schulbücher…) Einrichtungen, Ausstellungen, Kleidung, Produktgestaltung (Beispiel s.u.), Gebäude … 

Verwandte Themen

Persiflage und Parodien
Bilder in Schulbüchern
Schularchitektur rhetorisch
Ausstellen als Thema

Produktgestaltung

„Bei einem Produkttyp wie Mineralwasser ist besonders offensichtlich, wie viel Bedeutung der Verpackung und multisensorischen Inszenierung zukommt. So könnten die Menschen in vielen Regionen zumindest Mitteleuropas Trinkwasser nahezu kostenlos und ohne Transportmühen aus jeden Wasserhahn beziehen. Wenn Mineralwasser dennoch einen Milliardenmarkt darstellt, belegt das, dass es um mehr und um anderes als Durstlöschen geht: Man zahlt für eine Aufladung des Trinkens mit zusätzlicher Bedeutung, für eine Dramatisierung einzelner Eigenschaften des Wassers, für eine Rituaisierung des Wassertrinkens, wie sie durch das Design des jeweiligen Flaschentyps stattfinden kann.
Als erfrischend wird es etwa empfunden, wenn die Verschlusskappe so gestaltet ist, dass das Wasser beim Öffnen mit einem leichten Zischen heraussprudelt; zugleich sollte die Flasche dann eine schlanke Form haben, durchsichtig sein und auf dem Etikett Farben aufweisen, die entweder – wie Rot – Energie verheißen oder – wie Blau – für Luftigkeit und Frische stehen. Vokabeln wie ‚Power‘, ‚Sport oder ‚Sauerstoff‘ steigern die Suggestion von Leistungskraft zusätzlich. Auf einer bauchigen Flasche, die in Beige und Grau gehalten ist und einen Schraubverschluss besitzt, erschienen die selben Vokabeln hingegen unglaubwürdig; das ‚Cue-Management‘ wäre zu konfus, um ‚multisensory enhancement‘ zu ermöglichen.“
W. Ullrich (2013). Alles nur Konsum – Kritik der warenästhetischen Erziehung. Berlin, Wagenbach Verlag, S. 33

Franz Billmayer, 31.10.2013 – zuletzt geändert 23.02.2026