Seit Beginn der Kunsterziehung, insbesondere mit der Idee der „Erziehung durch Kunst”, werden für den Unterricht Medien und technische Verfahren entwickelt und eingesetzt, die die genaue Wahrnehmung und Beobachtung der Schülerinnen und Schüler steigern sollen. Seit der Kunsterzieherbewegung wird dabei auch das Ziel verfolgt, den Genuss oder die Genussfähigkeit zu steigern. Naturstudien, Sachzeichnen, Fühlen mit geschlossenen Augen, Beschreiben, Perzeptbildung, Sammeln … Das Ziel ist die ästhetische Wahrnehmung.

Genauso wie Sammeln oder Zeichnen kann der Fotoapparat zu einem Medium der Beobachtung werden. Wir kennen das aus dem Tourismus. Der Fotoapparat lässt uns die Welt nach Bildmotiven absuchen. Er erzeugt einen besonderen Modus der Aufmerksamkeit. Im Tourismus ist diese geprägt von der Frage: Was ist typisch? Was ergibt ein gutes Bild? Was ist außergewöhnlich? Es ist ein schweifender und spielerischer Blick.
Das, was uns vertraut ist, das, was sich immer wieder wiederholt, fotografieren wir nicht. Wir fotografieren das Außergewöhnliche. Wenn man den Alltag wie ein Tourist fotografiert, wird man sich der Routinen bewusst, die man sonst leicht übersieht.

Im Bildunterricht kann der Fotoapparat als Sammelinstrument (Schmetterlingsnetz und Botanisiertrommel in einem) verwendet werden, dabei geht es weniger um gelungene Bilder als um die Menge der gesammelten Daten.
Beispiele:
– Architekturanalyse: Eingänge, Fenster, Briefkästen, Türdrücker, Klingelanlagen, Dachgauben, Dachformen, Pflasterformen, Gardinen, Fussabstreifer, Vordächer, Vorgärten, Putzformen, Türen, Kellerfenster…
– Stadtplanung und Umweltgestaltung: Stadtmöblierung, Bodenbeläge, Begleitgrün, Tankstellen, Straßenbeleuchtungen, Wartehäuschen, „Kunst“ im öffentlichen Raum, Grabsteine, Gedenktafeln, Graffiti, Piktogramme, Strommasten, Brücken, …
– Design: Autofelgen, Tassen, Lippenstifte, Gläser, und und und und
– Mode: Frisuren, Makeup, Schmuck, Hosen, Röcke, Blusen, Piercings, Tatoos, Ohrringe an Ohren, Schuhe …

Das Fotomaterial dient einerseits als „Gedächtnis“ oder Aufzeichnung von Gesehenem, andererseits ermöglicht es, räumlich getrennte Gegenstände nah nebeneinander zu bringen und sie so leicht vergleichbar zu machen. Zudem lassen sich die fotografierten Gegenstände leicht immer wieder neu zu Gruppen mit neuen Kategorien ordnen.
Derartige Sammlungen werden vor allem durch Quantität und Unterschiedlichkeit interessant. Sie können dazu dienen, kulturelle Gewohnheiten sichtbar zu machen. Sie können als Ideenreservoir für eigene gestalterische Arbeiten dienen. Darüber hinaus können sie dazu dienen, die zeichenhaften Bedeutungen und damit die kommunikativen Funktionen und Möglichkeiten der jeweiligen Phänomene zu diskutieren und zu verstehen.
Der Kunstunterricht neigt aufgrund des Kunstparadigmas – Meisterwerk, Singularität, Wahrheit, besonderer Wert, Genie … – dazu, kulturelle Erscheinungen in Einzelbetrachtungen und -analysen zu behandeln. Dabei wird die für die Kultur wichtige Wiederholung übersehen. Traditionell wurde dabei im Sinne einer Geschmacksschulung oft nur die gelungene Gestaltung berücksichtigt. Das Sammeln mit dem Fotoapparat sollte jedoch nicht darin münden, zu diskutieren, welche Gestaltung besser als die andere ist, da dieser Besser-Schlechter-Modus zu einer extremen Verengung der Erkenntnismöglichkeiten führt.

Selbstverständlich dient auch das Bemühen um ein „gutes“ Foto der Schulung der Wahrnehmung, aber hier ist das Ziel das Bild im obigen Fall, ist das Bild lediglich eine Repräsentation, des Gesehenen.

Mit Fotografien lassen sich auch quantitative Untersuchungen machen.

Franz Billmayer, 23.1.2007; zuletzt geändert 24.2.2026